Back home...

Donnerstag, 15. April 2004
Am nächsten Tag ging es um fünf Uhr in der Früh los. Diesmal zu einem anderen Flughafen. Ich fuhr ausnahmsweise nicht, denn ich hatte nur ein paar Stunden Schlaf gehabt. Als ich wieder aufwachte, waren wir schon fast da. Es ist ein netter kleiner Flughafen, malerisch inmitten der Alpen gelegen.

Ein letzter Gruß geht noch zurück - der Heimat gilt der letzte Blick...

Wenn die Paßkontrolle bei der Ausreise klargeht, dann bin ich fein raus. Und sie ging klar. Keine Probleme. Innereuropäischer Flug, keine Fragen, es geht nach (statt gegen) Engelland. Die Flüge waren so gelegt, daß mir eine dreistündige Pause blieb, um Flughäfen zu wechseln. Diesmal mußte ich nicht nach Gatwick, sondern nach Heathrow. es hieß immer, der Flughafen sei versifft. Doch mir erschien es so, als sei der Flughafen der am wenigsten versiffte Fleck in ganz England. Hinzu kam auch noch, daß die Anzeigetafeln ausgefallen waren. Eine recht kasperig aussehende Frau mit zwei Antennen auf dem Kopf (kein Witz) lief umher und quatschte jeden an. Ich sagte nur "Jaja" und ließ sie weiterlaufen. Zum Glück saß neben mir ein orthodoxer Orientale, der wohl kein Englisch konnte, was die Frau eben dazu veranlaßte, alles im Zeitlupentempo zu erklären. Da erst checkte ich, was sie wollte. Ich ging zu der Ecke, die sie ihm beschrieben hatte und gerade waren sie dabei, mein Luft-Neu-Seeland-Flug nach Los Angeles mit dickem Benzinstift auf ein leeres Blatt eines A0-Blockes zu schreiben, der notdürftig auf einer Tafel montiert war. Ich stiefelte Los. Der Flughafen ist ein wenig enorm, angeblich der hektischste Flughafen der Welt, mit dem höchsten Passagierdurchsatz. Nach schätzungsweise zehn Kilometern Fußmarsch kam ich am angegebenen Terminal an. Sehr schön. Das Flugzeug war auch schon da und nach nicht allzulanger Wartezeit befand ich mich darinnen. Ich hatte bei der Onlinebuchung gleich den Platz ganz vorne links neben dem Notausgang genommen. Da, so dachte ich, würde ich meine Ruhe haben, die Sonne scheint auf dieser Route hier selten von Norden her und ganz vorn hat man keinen Vordermann, der sich zurücklehnt und einem dabei nicht nur das Essen auf den Schoß befördert, sondern meistens auch noch die Gabel, die man gerade zum Munde führt, verschlucken läßt. Außerdem kann man sofort aus dem Flugzeug stürzen, wenn es abstürzen sollte und muß nicht erst warten, bis alle anderen Passagiere zu Ende geschrieen haben, nur weil sie bei lebendigem Leib verbrutzeln. Ich fragte mich damals, warum der Platz mit "undesirable" bezeichnet war. Als ich an Bord ging, bat man mich, in der Küche zu warten, bis alle Passagiere an Bord seien. Man brachte mir Sekt - mit Serviette sogar. Das nenne ich Service. Die Tür wurde bald verschlossen und ich nahm Platz. Dabei merkte ich nun, was an diesem Platz undesirable war. Die Tür ragt ungefähr einen halben Meter in den Raum hinein, so daß man sich praktisch schräg auf den Sitz platzieren muß, wenn man Beine hat, die länger sind als 30 cm. Ein Steward kam zu mir und machte mich darauf Aufmerksam, daß ich mich neben dem Notausgang befand, "Nur, falls Sie es nicht mitbekommen haben." "Ah, yes, thank you. If it should open during the flight and I should happen to be sucked outside, you'll be sure to point it out, won't you?" An dem ist wohl ein Komiker verlorengegangen. Nach dem alten Fliegermotto "Sit back, relax and ejoy" wollte ich es halten, aber leider hatte ich für letzteres keine Zeit. Ich fiel sofort in einen komaartigen Tiefschlaf, aus dem ich erst erwachte, als es nach Essen roch. Bei Air-New-Zealand gibt es sogar einen Nachschlag, wenn man brav und artig danach frägt. Sehr angenehm. Scheinbar weiß das keiner, denn außer mir saßen nicht viele Leute in der Maschine. Ich legte mich zwar zum Schlafen trotzdem nicht quer über die Bank. Nicht, weil ich fürchtete, daß unterwegs weitere Passagiere einsteigen würden, sondern weil man sich liegend so schlecht anschnallen kann.


Es war das erste mal seit 23 Jahren, daß ich in einer 747 flog. Schöne Maschine, kann man nicht meckern.

Das einzige, was mich ein wenig störte, war die Tatsache, daß die Sonne nicht untergehen wollte. Die Flugzeit betrug eigentlich nur drei Stunden von London nach Los Angeles. Tatsächlich heißt das, daß man zwar fast 24 Stunden unterwegs ist, aber man muß neun Stunden wieder abziehen. Abflug in LHR 15 Uhr, Ankunft in LAX 18 Uhr. Alles Ortszeit. Daher fliegt man immer mit einem Sonnenstand wie am Spätnachmittag.

Das Flugzeug landete bei Einbruch der Dunkelheit in Los Angeles. Als erstes mußte ich feststellen, daß mein Handy nicht ging. AT&T, halt. Das ging mir nun auf den Zeiger, das muß geändert werden. Wenn AT&T keine Kunden braucht, dann geht man eben zu T-Online. Jetzt kam es nochmal drauf an. Immigration. INS, wie sie offiziell heißt. Hoffentlich machen die kein Theater. Ich war immerhin auf der Botschaft und habe mich wegen E-2-Visum erkundigt. Es war noch nicht an der Zeit, den Antrag zu stellen, aber immerhin war ich dazu in der Lage, wenigstens das glaubwürdig erscheinen zu lassen. Ich stand, wie immer, als einer der letzten in der Schlange. Diesmal nicht in der der Bevorzugten, wie in Österreich oder Engelland, sondern in der der Unerwünschten. Natürlich wird man da nervös. Aber es war vermutlich nicht das letzte Mal, daß ich mich in exakt dieser Situation befinden würde. Es ist ein langer Prozess, wenn man alles legal machen möchte. Eine Stunde stand ich an. Ich mußte zusehen, wie viele in den Nebenraum geschickt wurden. Meistens Asiaten und Zentralamerikaner. Als das hier Widlnis war, da kamen von denen nicht viele. Jetzt, da dieses Land die Welt beherrscht und dem Einzelnen Möglichkeiten bietet, von denen die Leute in ihren Fufu-Ländern nur träumen können, da kommen sie alle an. In diese Gesellschaft paßte ich gut. Es ist überall so. In Deutschland nicht anders. Als vor 70 Jahren alles im Eimer war, da wollte keiner von den Volksdeutschen nach Deutschland, um beim Aufbau mitzuhelfen. Mittlerweile haben sich die Verhältnisse umgekehrt und nun fällt ihnen ein, daß der Cousin ihres Urgroßvaters dereinst einen Deutschen Schäferhund besaß. Da stürmen sie dann gen Westen und können nicht viel mehr sagen als "Irch bin mea doisch wi Du, chat mei Vata no g'fressen Wurschtsalatt." Europa ist Schlaraffia für neue Russki-Mafia.Na Zdrowia, Prost, schon sind sie da...

Irrtümlich hatte ich auf dem Formular bei der Frage, ob ich mich auf einer Geschäftsreise befand, Ja und Nein angekreuzt, ausgebessert und am Ende sah es nach Geschmier aus. Was hilft's..? Gar nichts. Ich glaubte, den Beamten wiederzuerkennen. Die schauen irgendwie alle gleich aus. Klein, häßlich, dunkelhäutig, entweder asiatisch oder mexikanisch. Der Name stimmte allerdings nicht überein, er hieß nicht Espina oder Espinosa oder Espinafre. Er würde mich jedenfalls nicht erkennen, auch wenn er ein gutes Gedächtnis hätte. Diesmal sah ich zivilisiert aus. Militärschnitt und keinen Bart, Boss-Hose und Lederjacke. Er sah sich meine Papiere an. "Sind sie auf einer Geschäftsreise?" "Nun, ja, ich meine, nein, eigentlich... Ich weiß nicht." "Sie haben hier Ja und Nein angekreuzt und beides wieder durchgestrichen." "Nun, ich habe vor, ein E-2-Visum zu beantragen, aber ich muß erst die Voraussetzungen schaffen." Er nickte, stempelte die Papiere für Immigration und Zoll und dann den Paß, legte alles in den Paß hinein und gab mir alles zurück der einzige Kommentar war "Welcome..." Ich machte meinen Knicks, bedankte mich und latschte zum Ausgang. Münzen hatte ich keine, aber ich fragte am Informationsschalter nach, ob ich ein Ortsgespräch machen könnte. Die Frau hinter dem Schalter reichte mir den Hörer durch die Öffnung, die eigentlich für Wechselgeld gedacht war. Das Telephon paßte nicht durch, so gab ich ihr die Nummer durch. Es klingelte. Mailbox voll. Wird Zeit, daß sich die Frau mal ein Zellentelephon zulegt, das ist ja nicht zu glauben.

Als ich vor den Flughafen trat, um eine Cigarette zu rauchen, schlug mir erst der liebliche Smog-Geruch entgegen. Wie hat mir das gefehlt. Die Nacht war blau und selig, ein hektisches Treiben überall, spanische Wortfetzen. Ich genoß es erst eine Weile, wieder daheim zu sein. Dann nahm ich einen dieser Shuttles nach Silverlake. Vierzig Dollar - ist OK. Irgendwie schien mir wieder einmal, als ob in ganz LA keine einzige Frau weiß, was sie will. Als alle - ich dachte, es wären alle gewesen - eingestiegen waren, fuhren wir los. Hinein in den geliebten Stau. Ich las erst im Merian, daß L.A. verkehrsmäßig eine besonders schreckliche Stadt sei. Nun, wie man es nimmt. Was mich eher wunderte war, daß es eine deutsche Zeitschrift für deutsche Leser war und für die muß L.A. in der Beziehung wirklich paradiesisch sein. Das Fahrzeugaufkommen ist zwar womöglich höher, aber abgesehen von nochtvorhandenen grünen Wellen, ist die Verkehrsplanung wesentlich besser als in Deutschland, die Straßen breiter, die Geschwindigkeiten höher und die Leute weniger blöd. Daher muß der Stau in L.A. dem Durchschnittsdeustchen geradezu wie eine Erholung vorkommen. Doch ich will mich nicht beschweren. Je düsterer man L.A. beschreibt, desto weniger Deutsche kommen hierher, desto weniger Verkehrschaos herrscht hier.
Zurück zur Heimfahrt... Nach einer halben Stunde befanden wir uns wieder genau da, wo wir losgefahren waren. Erst wußte ich nicht, was das sollte, doch dann stieg der Fahrer aus, dem Akzent nach zu urteilen ein Russe, und kam mit einer Frau im Schlepp wieder zurück. Sie riß die Tür auf und kreischte "Wo sind meine Sachen?" "Geh, laß mir doch mei Ruh', Du Depp", murmelte ich vor mich hin. Sie war sichtlich erleichtert, als sie ihre Sachen auf dem Beifahrersitz erblickte. Wir fuhren diesmal tatsächlich los. Ich saß ganz hinten, vor mir ein orthodoxer Jude, vor ihm ein Schwuler und auf dem Beifahrersitz die Komische. Wir irrten los. "Da hin, nein, doch besser dort hin." Der Fahrer telephoniert in der Weltgeschichte umeinander, um herauszufinden, wo genannte Kreuzung ist. "Das wird wohl eine längere Angelegenheit..." Ich legte mich quer über den Sitz und schlief ein. Als das Auto einmal länger stoppte, erhob ich mich, wie Drakula aus seinem Sarge. Ich fragte den Juden, wo wir den seien. Es war ein älterer Herr. "Keine Ahnung, wir irren seit Stunden durch die Stadt. Anderthalb Stunden. Ist das zu glauben?" "Och, hier ist es gemütlich, mich pressiert es nicht." Einige Minuten später erwachte ich wieder. "Ist schon OK, nur beschließ mal endlich, wo Du hinwillst, denn wir wollen auch irgendwann mal heim, OK?" Wir fuhren zu einem Hotel. Es hieß zwar irgendwas mit Jugendherberge, allerdings sah es eher nach gehobener Mittelklasse aus. Da wollte sie nicht bleiben. Wir fuhren weiter in Richtung Hollywood. Sie fuhr mit. Auf dem Weg, auf der La Brea, fragte sie den Fahrer, ob er nicht doch wieder zum Hotel zurückfahren konnte. "Ne, also, tut mir Leid, aber nun wird nach Hollywood gefahren", erklärte er ihr. Sie bat darum, bei nächsten Taxi anzuhalten. Das tat er dann auch. Sie nahm ihre Sachen, stieg aus und verschwand im Taxi. "Die spinnt doch, oder?", fragte der Schwule nach hinten. "Wenigstens ist sie weg. Endlich...", antwortete der Jude und sah mich an. Dann wieder nach vorn gewendet: "Den da hinten stört das ja offensichtlich überhaupt nicht. Oder?" "Nein, ich hab Zeit, weiß eh nicht, wo ich hinsoll, insofern war mir das ganz recht." "Wo bist denn Du her, überhaupt?", fragte er mich. Aus Deutschland. "Deutschland? Du siehst auch aus wie ein Hitlerjunge", sagte er und lachte. "I guess, that's because I am, Sir", grinste ich ihn an, "but just a few months ago people used to call me Bin Laden. So, you see, however I look, I always look like someone else. Who cares? It could be worse, don't you agree?" Danach war die Unterhaltung wieder mehr oder weniger eingestellt und ich konnte weiterschlafen. Ich stieg als letzter aus. Nun war es eine gute Frage, wo ich über Nacht bleiben sollte. Das Auto war nicht weit weg, bei Hans wollte ich nicht mitten in der Nacht anklopfen. Aber es erübrigte sich alles, denn man hat mich schon erwartet.

Schön, wieder zuhaus zu sein.

 

Freitag, 16. April 2004
Nun mußte ich mich zunächst wieder vervollständigen. Das Auto hatte mir gefehlt. Ich ging hinunter, Auf dem Weg rief ich bei der Service-Hotline von AT&T an. Erstaunlicherweise mußte ich nicht erst eine Stunde in der Warteschleife verbringen, sondern nur etwa 10 Minuten. Der Operator fragte mich, was er für mich tun könnte. "Sie können das Geld von meinem Konto abbuchen und das Telephon wieder zum Laufen bringen. Das wäre nett." Er fragte nach den Daten, ich gab sie durch. Dann machte er mich darauf aufmerksam, daß eine Zahlung von etwa 40 Dollar fällig sei. "Nun, das weiß ich und deshalb rufe ich an. Auf meinem Konto ist Geld, warum wird das nicht einfach abgebucht? Warum muß ich immer und immer wieder dieses Theater durchlaufen? Warum klappt die Telephonzahlung mit Kreditkarte nicht?" "Nun, Sie können bei mir bezahlen..." Also, wieder einmal Phonepayment by Creditcard. Kartenart durchgeben, Karteninhaber, Kartennummer, Kartenverfallsdatum, Kartensicherheitscode, all das, nur, um am Ende zu hören, daß zur Zeit keine Payments mit Kreditkarte angenommen werden. Ich müsse zum AT&T-Shop fahren und dort bezahlen. "Aha. Und nächsten Monat wieder dasselbe, oder? Und jedesmal funktioniert dann das Telephon für ein paar Tage nicht. Ist ja großartig." Er fragte, ob er nochwas für mich tun könne. "Noch was? Ach, Sie meinen, ob Sie überhaupt was für mich tun können? Nun... ja. Sie könnten mir eine Frage beantworten: Ist es möglich, daß ich Anbieter wechsle und meine jetzige Nummer aber behalte?" Und das ist wieder eine Sache, die ich an diesem land so mag. Hier ist jeder darauf bedacht, keine Kunden zu verlieren. In diesem Falle war natürlich seine Gegenfrage überflüssig, die da lautete: "Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie wechseln wollen?" Gegenfragen kann ich auch. "Gibt es einen einzigen Grund, warum ich bei AT&T bleiben sollte? Sie können mir ja offensichtlich den Service nicht liefern, für den ich zu zahlen bereit bin. Und selbst wenn, ist es mit sovielen Schwierigkeiten verbunden, daß ich jetzt nicht wüßte, warum ich mir das antun sollte. Ich brauche kein Mobiltelephon, wenn ich mich zum zahlen an einen bestimmten Ort begeben muß. Heutzutage zahlt man fernmündlich oder online." Ich könne auch über das Internet zahlen. "Nein, das geht auch nicht. Das hat von anfang an nicht funktioniert, was ich auch schon des Öfteren beklagt habe - ohne Erfolg. Doch auch das will ich nicht. Ich will telephonieren und sonst nichts, das Geld soll von meinem Konto abgebucht werden und ich will mich weiter um nichts kümmern. Dafür zahle ich, ist doch nicht schwer, oder? Kann ich nun die Nummer beibehalten oder nicht?" "Ja, das können Sie schon. Da müssen Sie bei ihrem neuen Anbieter einen Antrag stellen... Sonst noch was?" "Nein, dankeschön. Das was es schon wieder." "Bedauere, daß ich Sie nicht überzeugen kann, bei unserer Company zu bleiben. Thanks for calling AT&T Customer Service. Have a great day." "Kein Problem. Das regelt alles der Markt... Vielen Dank auch."
Als ich auflegte, stand ich schon vor der Firma, auf deren Parkplatz ich das Auto abgestellt hatte. Ich ging hinein und fragte nach dem Schlüssel. Der war erst nicht auffindbar. Der Chef wollte seine Frau anrufen um nach dem Verbleib des Schlüssels zu fragen. Ich ging schon mal auf den Parkplatz, um das Auto freizulegen. Doch was sah ich da? Mein vorderes Nummernschild hing auf halb Acht. Ich nahm die Plane herunter. Die Windschutzscheibe hatte einige Steinschläge, alle Scheinwerfergläser fehlten und der Stern war geknickt. Genau vor dem Parkinglot war eine halbverrottete Behausung, die von Latinos bewohnt war. Und die Dreckskinder hatten wohl mein Auto als Zielscheibe fürs Steinewerfen verwandt. "Pinches mexicanos!" Sollen mal auf ihre beschissenen Kinder besser aufpassen, am besten gar nicht erst welche fabrizieren. Werden sowieso alles nur Verbrecher. Ein Kindermädchen können die sich nicht leisten und was erwarten die Leute, was aus ihren Kindern werden soll? Unitätsprofessoren und Diplomaten? Wer soll sie dazu erziehen, wenn die Mutter auf den Strich gehen muß und der Vater damit beschäftigt ist, Autos zu knacken? Sollen sich meinetwegen ein paar Köter zulegen, statt der Bälger. Da kräht wenigstens kein Hahn danach, wenn man sie plattfährt...

Ich ging zu Fuß wieder heim, kam dann aber nach zwei Stunden wieder und mittlerweile hatte man den Schlüssel gefunden. Erstaunlicherweise sprang das Auto gleich aufs erste Mal an. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Die Batterie war schon am Ende, als ich sie vor einem Jahr in Playa del Carmen gekauft hatte.

Wer sagt eigentlich, daß Marmelade keine Kraft gibt?

Der Diessel hämmert wieder. Aber es ist ja gar nicht mein Diesel. Der liegt immer noch in Destroit und wartet darauf, nach Kalifornien verschifft zu werden. Das sollte nun bald geschehen. Meine Befürchtung, daß ich mich an den Abzug des 240ers gewöhnen würde und kein Interesse mehr an dem alten 200er haben würde, war völlig unbegründet. Ich will meinen alten Motor wieder haben und ich wußte, daß ich hier am richtigen Platz war. Man bekommt alles, was man will - wenn man es wirklich will. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Der Tank war fast leer, und die Reserve ist nicht mehr das, was sie einmal war. Hielt sie beim 200er um die 200 km, so hält sie beim 240 nicht mal mehr 100. Viel schneller ist er auch nicht. Da haben wir schon wieder das nächste Projekt. Und langsam ist es an der Zeit, den edlen Spendern das Geld wieder zurückzuüberweisen. Nun war ich Destroit entronnen und saß wieder im warmen Kalifornien, wo man sich einiges an Geld verdienen kann. Das mußte als Erstes sichergestellt werden. Und Arbeit war genug da. Hat auf mich gewartet. Anruf hier, Anruf da. Blöd, wenn das Telephon nicht geht, denn dann kann einen auch keiner erreichen. Das war das zweit Problem, das angegangen werden mußte. Als erstes aber mußte der Tank aufgefüllt werden. Danach mußte ein Kühler für das Auto her. Unbedingt. Der hier hatte ein Leck, das schon fast größer sein mußte als der Kühler. Ich fuhr zu Performance Products und orderte den Kühler. Auf dem Weg dorthin mußte ich mehrmals anhalten, um Wasser nachzufüllen. Unter anderem auch einmal auf dem 5er-Hochweg, was ziemlich unangenahm werden kann. Doch es gibt kaum etwas Unangenehmeres, als einen Motorschaden. Und davon reicht mir einer im Leben. Diese Tragödie in Destroit werd ich Wochenlang nicht vergessen. Eigentlich wollte ich den Kühler aus Deutschland mitgebracht haben, aber das habe ich zeitlich einfach nicht geschafft. Eigentlich hatte ich in Deutschland überhaupt nichts geschafft, außer Geld auszugeben. Das mache ich lieber in L.A., denn dort weiß ich, daß immer mehr in den Säckel fließt, als ich ausgebe. Tendenz, also, steigend... In Deutschland fließt nichts in den Säckel.

"Das, was Du in den USA machst könntest Du hier genauso machen", hat mir ein Schlaumeier gesagt. Und doch stimmt es nicht. In den USA darf ich als Tourist meine eigene Schreinerei aufmachen. Es gibt kein Gesetz, das das verbieten würde. Keiner fragt nach einem Meistertitel, interessiert niemanden. Man macht den Laden auf und alles andere regelt der Markt. Produziert man nur Müll, dann kann man bald wieder zumachen, produziert man das, was die Leute haben wollen, dann wird das in Form von Dollars anerkannt. Punkt. Nicht auf das Wissen kommt es an, sondern auf das Wollen, nicht auf Titel und Verdienste von früher, sondern allein auf das Produkt, das die Arbeit hervorbringt. Allein das entscheidet. Klar gibt es auch in den USA Papierkram, doch der wird so gehalten, daß er der Ursprünglichen Idee nicht in die Quere kommt. Und die urspräungliche Idee heißt: "You start with nothing and you make something out of it." Wer dazu in der Lage ist und ein wenig Glück hat, der kriegt es hin. Und da war doch noch ein Spruch, der gerade in Amerika nicht nur eine leere Worthülse ist: "A real man makes his own luck."


März Zum Anfang Monatsende

[Hauptseite] [Besolds W123] [Reiseberichte] [Gästebuch]
© by Markus Besold