Dienstag, 1. Juli 2003

Um 0:15 Uhr fuhr ich mal wieder vom Highway um zu tanken. Und - wie praktisch - ein Subway war auch gleich da. Weiter ging es dann, wieder auf den Highway und hinein in die Nacht. Go West. Irgendwie wollte sich keine Müdigkeit einstellen, also fuhr ich derweil, während ich auf sie wartete. Gegen drei Uhr Nachts kam sie dann auch. Ich versuchte einige Male den Camping-Schildern zu folgen, aber jedes mal landete ich irgendwo in der Pampa, die hier Prärie heißt. Beim letzten Mal fuhr ich dann einfach zum Nationalpark Picacho Peak, der selbstverständlich geschlossen hatte. Ich suchte mir einen Parkplatz und machte mich da breit. Zwar befürchtete ich, daß man mich da bald verjagen würde, aber ich war zu müde. Es fiel sogar die Gute-Nacht-Cigarette aus. Ein paar Sekunden sah ich mir noch die Sternennacht an und die großen Kakteen, die sich dunkel gegen den Horizont abhoben. Dann schlief ich ein.

Erst als die Sonne schon hoch am Himmel stand, wachte ich auf. Es war halb Neun, ich hatte keine sechs Stunden geschlafen, aber es war nun zu heiß dafür. Überraschend heiß, sogar. Um zehn vor Neune fuhr ich weiter. Hinaus aus den 10er Hochweg und mit Vollgas in Richtung Phoenix. Ich fragte mich, wo die Wildwest-Romantik bleibt. Statt karger Bohnensuppe gab es Frühstück bei McDonald's, statt auf einem Pferd ist man mit 60 PS unterwegs, es wird nicht mehr auf Pfaden geritten, sondern auf Highways gefahren. Ich kramte zur Abwechslung die alte EAV-Kassette wieder raus, "Die letzten Helden dieser Erde starten ihre Pferde und sie fahren vierzig Tage lang in den Untergang..."
Als ich um 10:50 Uhr im McDonald's eines Wallmarts stand und einen Burger wollte, erklärte man mir, daß es erst ab 11 Uhr Burger gebe. Spießer. "Gut, dann wart ich schnell." Sie bediente den, der hinter mir stand. Ich blieb an der Theke stehen, gucke mir die Luft an und wartete weiter. "Sir, wollen Sie sich nicht setzen?" "Nein, danke, die paar Minuten kann ich stehen." Sie sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. "Paar Minuten? Sir, um Elf erst gibt es Burger, momentan ist nur die Fritöse in Betrieb." Schön, aber wieso betont sie die Elf so? "Wieviel Uhr ist es denn? Nicht kurz vor Elf?" Sie sah auf die Uhr. "Nein, es ist Neun Uhr Fünfundfünfzig, Sir..." Da kann ich natürlich lange warten. Ich muß irgendwo vergessen haben, die Zeit umzustellen. Das ist im Flugzeug praktischer, da kommt immer eine Ansage. Leider checkt das GPS das nicht, wann man eine Zeitzone überschreitet...
Das war ein Argument, von dem ich mich glatt überzeugen lassen mußte. Ich kaufte mir also stattdessen eine Megatüte Popcorn und eine Pepsi. Das ist auch nicht das Schlechteste, das man tun kann. Mais ist billig, nahrhaft und füllt den Magen. Deshalb habe ich immer eine Tüte Mais in der Bordküche, denn Popcorn ist einfach und schnell herzustellen und macht keinen Dreck.
Weiter also. Wenigstens kaum Geld ausgegeben. Ich war genau eine Stunde unterwegs, passierte es: Vier Tage und 2202 Kilometer, nachdem ich die Grenze passiert hatte, gelang es mir, ein Überholmanöver zu vollziehen. Bei dem überholten Objekt handelte es sich um einen Schwertransport mit Überbreite und Überlänge. Aber immerhin... Es war auch gar nicht so einfach.

Das erste Überholmanöver in den USA auf Bild festgehalten.

Ich passierte Phoenix und um 13:00 Uhr versuchte ich abermals von einer Raststätte aus, Frank zu erreichen. Diesmal klappte es. "Hallo, wo bist Du denn?" "Irgendwo bei Sandquartz oder so..." "Ja, da wirst wohl noch ein paar Stunden brauchen..." Ja, das würde ich wohl, vielleicht sogar nicht ein paar mehr, immerhin ist man ja nicht der schnellste. Als ich wieder auf dem 10er war, war der Schwertransporter auch wieder da. Wir hatten uns wieder. Allerdings muß er seine Marschgeschwindigkeit heraufgesetzt haben, denn nun kam ich nicht mehr hinterher. Es könnte aber auch daran liegen, daß ich mittlerweile die Klimaanlage eingeschaltet hatte. Es war so heiß, wie ich es im Leben nur in der Sahara erlebt hatte. Dieser heiße Wind, wie hab ich ihn vermißt. Auch stieg typischerweise die Motortemperatur an.
Die Grenze nach Kalifornien wurde passiert. Was hat man nicht alles über diesen Vereinigten Staat schon alles gehört und gesehen, meistens in Filmen, die die Bildschirme aller Länder der Welt heimsuchen. Die meisten von ihnen werden wohl hier gedreht oder hergestellt. Der Film-Staat, sozusagen. Mal sehen, wie das hier in Echt aussieht. Bei einer der ersten Tankstellen hielt ich wieder. Es war 15:00 Uhr. Mein Schatz hatte mir vor einigen Wochen erzählt, daß es in den USA Telephonkarten gibt, bei denen man ewig und drei Tage nach Deutschland telephonieren könnte. Ich kaufte mir gleich die nächstbeste und rief in der Schweiz an. 38 Minuten für fünf Dollar, das ist eigentlich OK. Daß ich die nächsten 40 Minuten in der prallen Sonne verbrachte, das störte mich nicht im geringsten. Es war zwar heiß, aber trocken und das kann ich recht gut ab, außerdem war ich mit meinen Gedanken sowieso in der Schweiz.
Danach fuhr ich weiter. Es wurde wieder kühler, je mehr wir uns der Küste näherten. Dann wurde der Hochweg wieder zum Freiweg. Es kamen weitere Spuren hinzu und ständig Ausfahrten. Los Angeles kündigte sich an. Der Verkehr wurde immer dichter und dichter, bis es nur noch im Schrittempo weiterging.
Um 18 Uhr war ich inn Los Angeles. Das war auch schon alles, was ich wußte. Ich wußte weder woher noch wohin. Was klingt denn gut? Downtown. Klingt gut, aber sicher nicht um diese Uhrzeit. Hm... Hollywood.

In Los Angeles heading Hollywood.

Das ist gut, mal sehen, was es da so gibt. Ich fuhr also auf den Hollywood Highway. Eine Ausfahrt nach der anderen. Ich fuhr und fuhr. Irgendwann beschloß ich, wieder bei Frank anzurufen. Ich verließ den Freeway und suchte mir eine Tankstelle. Von dort aus rief ich Frank an. "Hallo, wir haben gerade über Dich gesprochen. Wo bist?" Ich wußte nicht recht, was ich sagen sollte, hatte ja keine Ahnung. "An der Mobil-Tankstelle" Nur gibt es von denen halt bestimmt tausende hier in der Gegend. Straße? "Hm. Bei einem Braille-Institut." Er erklärte mir daraufhin genau, wo ich war. In Vermont. Erst versuchte er, mir den Weg zu beschreiben, aber er muß schnell gemerkt haben, daß das in die Hose gehen würde. "OK, gib mir eine halbe Stunde..." Ich stellte das Auto an den Parkplatz, kaufte mir einen DrPepper und aß meine Popcorn weiter. Als ich da am Auto lehnte fuhr die Polizei vorbei. Zwei Mann. Die Blicke des Beifahrers auf mich geheftet. Weg waren sie. Einige Minuten später amen sie aus der Querstraße in die Tankstelle gefahren, fuhren wieder an mir vorbei, ganz langsam. Sie sahen mich an, ich sah sie an, dann fuhren sie wieder auf die Straße und weg waren sie. Als nächstes fuhr dann ein brauner, chromblitzender, glänzender 300D mit den charakteristischen amerikanischen Stoßfängern auf das Tankstellengelände. Das mußte Frank sein. Er parkte vor dem Daimler, stieg aus. Selbstsicherer gerader Blick, er kam auf mich zu und sagte zackig: "Hallo, das freut mich aber..." Ich stand da mit meiner Tüte Popcorn, wußte nicht recht, was ich sagen sollte, aber das machte nichts, denn er fuhr fort. "Ist das alles, was Du heute gegessen hast? Dann fahren wir gleich mal in den Roten Löwen, da gibt es was anständiges zu Essen." Zackzack, angeworfen die Motoren, dann ging es im Konvoi zum Roten Löwen. Die Flasche DrPepper hatte ich auf dem Dachträger vergessen und sie verabschiedete sich auch, kaum, daß wir losgefahren waren. "Himmel, Arsch und Zwirn...", ich glaube, das fällt unter "Littering" und da ist man sehr schnell sehr viel Geld los. Aber es hat keiner gemerkt. Geld war überhaupt das Problem bei der ganzen Amerikasache. Es geht viel zu schnell weg.
Frank, Elke und original Erdinger WeißbierWir kamen im Roten Löwen an, ich nahm Platz an der Bar. Als erstes brauchte ich sowas wie eine Einweisung. Die bekam ich, und zwar klipp und klar. Natürlich konnte ich nicht alles speichern, aber das war vorerst nicht schlimm. Ich brauchte Geld und das möglichst schnell. Wenn alle Stricke reißen kann man sich immer noch ans Home Depot stellen. Das ist sowas, wie bei uns das Bauhaus. Dort stehen tagtäglich unzählige Mexikaner herum, die darauf warten, mitgenommen zu werden von jemandem, der dort einkauft, der vermutlich eine Baustelle hat und damit Gelegenheitsjobs für Hilfsarbeiter. Diese Möglichkeit gibt es immer. Aber es soll besseres geben. Nun kam langsam das Gefühl auf, in den Vereinigten Staaten von Amerika angekommen zu sein. Kein Traum, kein Irrtum, ich war da. Nun galt es, was daraus zu machen. Ich erinnerte mich der unzähligen schwülen Nächte in Playa vor der Rezeption, als ich mir mit José ausmalte, wie es wohl sein würde, wenn wir erst in den USA wären. Nun war es soweit. Die erste Orientierung hatte ich nun von Frank bekommen. Es ist noch viel zu früh mein Bild von Amerika zu beschreiben, aber eines stand schon jetzt fest: Noch nie war ich von einem Land so positiv überrascht. Aber es saß mir auch eine gewisse Angst im Nacken. Was man gleich von Anfang an spürt: "Money talks." Ohne Geld ist man hier einfach der Arsch, um es einmal deutlich zu sagen. Und genau das mußte her, egal wie. Schon vor Jahren erzählte mir ein Freund, der damals frisch aus Amerika eingetroffen war: "Wer was tut, der hat was, wer nichts tut, der hat eben nichts. In Amerika geht das nicht, daß man nichts tut und trotzdem mit dem Mercedes die Maxstraße auf und ab fährt." Doch damals war für mich sonnenklar, daß ich Amerika nie betreten würde, daher ging mich das nichts an. Nun war ich hier. Es war der selbe Typ, der mir davon erzählt hatte, wie Kundenservice auszusehen hat: Wie bei den Amis. Einmal waren wir gemeinsam im Bauhaus, wollten eine Verkäuferin sprechen, doch die war am Telephon. Als sie fertig war, fragte er sie, was das für ein Anruf war. Das sei ein wichtiger Anruf gewesen. "Gut, aber ich bin noch wichtiger, weil ich nämlich der Kunde bin. Ich brauche folgendes:..." Damals kam mir das mächtig übertrieben vor, aber so muß es einfach sein. "Servicewüste Deutschland"? Man wird meist so behandelt, wie man sich behandeln läßt.
Das deutsche Mahl im Red Lion war wirklich gediegen: Schweinebraten mit Kartoffelsalat, auch für Live-Musik war gesorgt. Was ich mir für ein Lied wünsche. "Frank Sinatra, My way..." Prompt kam es auch, zwar mit leicht "angepaßten" Text, "For what is a man? What has he got? If not his car, so he has not to say that he is really free...", was es aber auch nicht schlechter machte.
Danach brachte mich Frank ins Motel 6. In dem Wirrwar von High- und Freeways kannte ich mich bald nicht mehr aus, aber solange die Fühlung mit dem vorausfahrenden 300D nicht verloren ging, war ich nicht verloren. Wir kamen auch bald an, Sache von einer Halben Stunde.

Nächtliche Fahrt auf dem Highway. Interstate 5.

Die Angestellten waren Mexikaner. Als wir ankamen wollten sie seine Kreditkarte nicht nehmen, weil die Maschine kaputt war. Da mußte nachgeholfen werden. Nach 25 Jahren in den USA weiß man einfach, wie man das macht. Es ist einfach nicht Problem den Kunden, ob die Maschine kaputt ist oder nicht. "I am the paying customer..." Sowas ist in Deutschland ja völlig unbekannt, denn dort ist man ja nur zahlender Bittsteller. Aber wir waren nicht in Deutschland, hier half kein Widerspruch und auch keine Erklärung. Er habe vorhin gebucht und gesagt, er würde mit Kreditkarte bezahlen, ihre Maschine sei ihm piepegal. "Nein, ich brauche dazu nämlich die Maschine". "Du brauchst keine Maschine, Du brauchst ein Hirn." Plötzlich lief es. Die Buchung wurde per Hand ausgeführt, aber es ging. Es geht immer. In Deutschland wären wir hochkant hinausgeflogen. Warum kopiert man immer nur das Schlechte aus diesem Land? Allerdings wüßte ich jetzt nicht, wofür eine Frau ein Hirn braucht... Frank verabschiedete sich dann, meinte, er würde morgen in der Früh vorbeikommen, damit wir zusammen einen neuen LapTop und ein paar nötige Autoteile besorgen. Ich wollte diese amerikanischen Stoßstangen haben. Unbedingt.
Das Hotel hatte auch diese Waschmaschinen, die mit Münzen funktionierten. Kennt man aus dem Fernsehen. Eine Shitload von Dreckswäsche flog hinein und ich war erst mal ein paar Stunden mit Waschen beschäftigt. Ein etwas dicker Ami sah mich eine Weile an und fragte mich dann ob ich Deutscher sei. "Woher weißt Du das? Ich seh nicht besonders deutsch aus." "Aber die Uniform. Ich war ein paar Jahre in Deutschland mit der Army." Er war auch dabei seine Wäsche zu waschen. So wurde es wenigstens nicht langweilig. Er kannte den Schwarzwald, wie fast jeder Amerikaner. Ich war nie dort gewesen, wüßte nicht mal, ihn auf einer unbeschrifteten Landkarte zu finden. Eigentlich beschämend, aber das kann ich ja auch noch machen, wenn ich in Rente bin.
Das Zimmer für meine Begriffe wirklich luxuriös, Klima, Kabel, Aschenbecher, Telephon mit Ortsgesprächen für umsonst. Alles was fehlt ist ein LapTop.


Voriger Tag Zum Anfang Nächster Tag

[Hauptseite] [Besolds W123] [Reiseberichte] [Gästebuch]
© by Markus Besold