Panamericana-Tour 2002
Samstag, 24. August

In dieser Nacht ließen uns wenigstens die Mücken in Ruhe. Es war schon gegen zwei Uhr, als ich endlich einschlief.
Gegen halb Neun standen wir langsam auf. Nach Frühstück und Abwasch wurde das Auto startklar gemacht. Der Ölstand gemessen, vollgetankt und um halb Zehn fuhren wir los in Richtung Manta. Einen Plan hatten wir nicht - was in der Natur der Sache liegt, wenn man mit mir unterwegs ist. Ich kann ohne Pläne leben, Gabi nicht. Also mußte immer so getan werden, als hätte man einen Plan - oder zumindest so, als sei zumindest die Bemühung vorhanden, einen solchen zu erstellen. Der Plan, als wir nach Equador fuhren war folgender: Guayaquil anfahren, es dort versuchen, wenn es dort nicht klappt, nach Quito, wenn nicht dort, dann Manta, und falls nichts von alledem klappt, nach Esmeraldas. Man hätte den Plan auch noch fortsetzen können, indem man die kolumbianischen Hafenstädte abklappert, aber ein Gewichtiger Hinderungsgrund saß auf dem Beifahrersitz und wußte bescheid...
Die grobe Vorgehensweise bezüglich Manta bestand darin, sich erst mal den Hafen anzusehen. Würde mich nicht wundern, wenn dort überhaupt keine Frachter anlegen, aber das weiß man eben erst, wenn man sich die Sache angesehen hat... Erst dann konnten wir weitersehen.

Um halb zehn (749.625 km) fuhren wir los. Der Verkehr war mäßig, man merkte, daß Samstag war. Als wir erst aus Guayaquil raus waren, ging es noch zügiger voran. Manta liegt einige hundert Kilometer nördlich von Guayaquil. Wir hielten unterwegs, damit ich meinen Getränkevorrat ergänzen konnte. Langsam mußte der Treibstoff, der noch in den Kanistern gebunkert war hinaus. Sonst würden wir ihn womöglich vor der Verschiffung verschenken oder verschütten müssen. Verfahren macht mehr Spaß. Ich hielt in irgendeiner Ortschaft an, holte den Gartenschlauch aus dem Ersatzreifen, stieg auf den Kofferraum und begann damit, den Inhalt der Kanister in den Tank zu lassen. Ein Einheimischer sah mir eine Weile zu und kam dann an das Auto heran. Er begrüßte mich und fragte, ob ich Spanisch verstünde. "Ja, klar..." Er fragte dann, wo unsere Heimat sei, was wir in diesem Teil der Welt vorhätten, ob wir Reporter wären. Ich erzählte ihm alles so, wie es sich verhielt. Während das Diesel in den Tank lief, unterhielten wir uns. Ich konnte ihn nicht ganz einordnen. Vielleicht war er der Dorflehrer. Als der erste Kanister leer war, zog ich den Schlauch heraus und drückte ihn im nächsten Kanister unter Diesel. Das Gespräch unterbrach ich nur, um kurz anzusaugen. Das dauerte wieder eine Weile, in der ich mich weiter mit dem Herrn unterhielt. Er war ursprünglich aus Peru.
Die Beifahrertür ging auf. Gabi meldete sich zu Wort: "Vielleicht solltest Du langsam mal den Motor ausmachen. Das ist ja peinlich. Die Leute schauen schon!" Natürlich interessierte sich außer Gabi keine Menschenseele für den laufenden Motor. Der Peruaner fragte: "Deine Frau?" Das war mir schon eher peinlich. "Nein! Um Gottes Willen! Das ist nur eine Deutsche Umweltaktivistin, der der majestätische Klang eines deutschen Dieselmotors peinlich ist", erklärte ich ihm. Ich habe diese Umweltapostel noch nie verstanden. Die mischen sich immer in Sachen ein, die sie nichts angehen. Der Motor ist weder peinlich noch geht er sie etwas an - beides kann man über ihr Gesicht zum Beispiel nicht behaupten. Aber das sind genau die Leute, die sich darüber aufregen, daß sich in Equador jeder in Sachen einmischt, die ihn nichts angehen. Kann sie nicht einfach in ihrem Buch weiterlesen und Ruhe geben? Oder vielleicht gar aussteigen, die Leute begrüßen und sich vorstellen, wie wir es im ach so tollen Deutschland von unseren Eltern beigebracht bekamen? Als der Tank überlief, zog ich den Schlauch hinaus, tat ihn wieder in der Reifen, verschloß Tank und Kanister und verabschiedete mich von dem netten Menschen. "No vemos! (= Man sieht sich)". Das sagt man so. Die Strecke zog sich noch hin; wir brauchten immerhin über vier Stunden. Um 14 Uhr waren wir erst angekommen.

Blick auf den Pazifik von unserem schattigen Parkplatz aus.

Manta war auf den ersten Blick ein sehr sympathisches Städtchen. Mir gefiel es, jedenfalls. Alles war friedlich, niemand bewegte sich zu schnell und Straßenkinder sah ich keine - die waren überhaupt sehr selten in Ecuador, im Vergleich zu anderen Ländern in dieser Gegend. Doch auch in Manta war heute Samstag, da geht genauso wenig wie in Guayaquil. Aber doch kann man die Zeit bis Sonntagabend nutzen, um sich ein Bild von der Lage zu machen, damit man nicht erst ewig rumeiern muß, bis man etwas findet. Wie gesagt: Man kann.
Doch zunächst bevorzugten wir es, einkaufen zu gehen. Für's leibliche wohl muß schließlich gesorgt sein, und die Vorräte der Bordküche gingen zur Neige. Ein großer Supermarkt im Süden hatte offen. Dort gab es alles, was wir brauchten und auf die Klimaanlage brauche man auch nicht zu verzichten. Wobei diese erst an der Karibik richtig lebensnotwendig werden würde. So scharf war ich auf diese Nasse Angelegenheit dort oben eigentlich gar nicht. Nach dem Einkaufen fuhren wir die Küste entlang nach Norden ab, auf der Suche nach der Capitanía, oder nach irgendwas, das so aussah, als würde man mit dessen Hilfe in das Hafengelände hineinkommen. Zur Capitanía fragte ich uns durch. Diese war in einem kleinen Hochhaus untergebracht, gar nicht weit von dort, wo wir bei der Ankunft geparkt hatten. Große Hoffnung, am Samstagnachmittag jemanden dort anzutreffen, hegte ich nicht, aber anschauen kann man sich's ja mal. Als ich dort den erstbesten fragte, wie ich es denn anstellen müßte, um in den Hafen zu gelangen, sagte mir der, ich soll gleich zum Hafen selbst gehen.

Es fand sich auch eine Art Einfahrt, die so groß war, daß ich sie für die Haupteinfahrt hielt. Davor, genau in der Mitte ein weißes Häuschen, links und rechts davon Schranken, die an Eisengitter und Betonbarrieren anschlossen. Ich stellte mich genau vor das Häuschen, um weder ein- noch ausfahrende LKW zu behindern und ging zu dem Typen, der in dem Häuschen saß. "Und? Wie sieht's aus? Darf ich da hinein?", fragte ich, einfach, um irgendwie anzufangen. Es war ein älterer dicker Mann. Der grinst mich breit an, verstand aber nicht recht, was ich jetzt von ihm wollte. Ich erklärte es ihm nochmal, dann griff er zum Telephon und rief irgendwo an. Ich solle warten, es würde gleich jemand kommen, der dann darüer entscheidet, ob wir reindurften oder nicht.

Eine ganz normale Durchfahrtstraße.
Auf dem Gehweg läßt es sich besser fahren als fußballspielen.

Ich bedankte mich, stellte mich ans Auto und steckte mir eine Cigarrette ins Gesicht. Gabi fragte, was denn ginge. "'Da kommt gleich wer', hat es geheißen!" Ich rauchte aus, stand etwas herum und beobachtete das Geschehen, brachte das KTB auf den neuesten Stand. Gabi wurde ungeduldig. Wann der denn kommen wollte, ob ich nicht nochmal nachfragen wollte. Meine Güte! Der kommt halt, wenn er kommt, da kann ich zehn mal nachfragen, das beschleunigt gar nichts. Ist ja nicht so, daß wir es besonders eilig hätten. Ob wir nun hier oder woanders dumm rumstehen ist doch wirklich vollkommen egal! Um halb Fünf ging ich dann doch hin und fragte mal vorsichtig an, wann denn der Typ kommen wollte. "Da kommt er schon", sagte der Dicke und zeigte auf einen Unifomierten. "Ist das ein Militär?", fragte ich den dicken. "Ja", sagte er, "Marine!" Ich nahm Haltung an und stellte mich vor, dann der übliche Small-Talk woher, wohin, was es gibt usw. Ich erklärte ihm alles, wie ich es in der letzten Woche bestimmt schon hundert mal gemacht hatte. Er ließ uns in den Hafen, mit der Auflage, daß wir nicht aussteigen durften.

Wir fuhren hinein, fanden keine Schiffe, dann fuhren wir wieder raus zur Capitanía, um den "Capitán" ausfindig zu machen. Der bestellte einen Posten ab, der sich zu uns ins Auto setzte, uns überall das Passieren ermöglichte und führte uns herum. Alles sahen wir, alles erklärte er, nur nicht, wo denn die Schiffe seien. "Schiffe? Zu denen darf natürlich kein Zivilist. Alles Militär, alles streng geheim!" Aber ich will doch zu den zivilen Schiffen, ich will doch nicht auf einem Zerstörer nach Panama verschiffen. Daß das nicht gehen wird, ist mir schon klar! Zivile Schiffe gibt es heute keine. Gibt es eh nur sehr selten, hier. Toll... Dafür der ganze Aufwand. Hat sich mal wieder gelohnt... Aber so ist es nun mal. Man tut und macht, und hat keinen Plan, aber irgendwas wird dabei schon rauskommen. So bin ich es gewohnt. Lief in meinem ganzen Leben noch nie anders... "Mach irgendwas, dann passiert bestimmt irgendwas", es ist so simpel wie es logisch ist.

Schiffe gab es also doch. Aber wir kamen nicht ran an die Pötte...

Anschließend fuhren wir in Manta umher und suchten eine Dusche. Erste Anlaufstelle für solcherlei Anliegen sind Tankstellen. Davon gab es reichlich. Wir stoppten an einer Shell. "Grüß Gott! Gibt es hier ein Brausebad zum Duschen?", fragte ich den Kassier. Der erklärte mir, daß das an dieser Tankstelle verboten sei. "Wie? Duschen verboten?" "Jawohl." Nachdem ich sichergestellt hatte, daß da nicht irgendein Mißverständnis seiner- oder Übersetzungsfehler meinerseits vorlag, ging ich kopfschüttelnd zum Auto zurück. "Also, hier ist Duschen verboten! Hat der Chef so verfügt!" Gabi verstand nicht. "Ich versteh's auch nicht, aber bevor ich lange nachfrage, fahren wir einfach zur nächsten Tankstelle. Die ist gleich da vorn..." Es handelte sich um eine Repsol. Duschen hatten die aber keine. Ungewöhnlich, aber wohl nicht zu ändern, wobei hier offen bleibt, ob die tatsächlich keine Duschen haben, oder ob der Typ einfach nur zu faul war, oder ob er selbst von der Existenz einer Dusche nichts wußte...
Nächster Versuch, wieder eine Shell. Die hatten Duschen, und das Duschen an sich schien hier auch nicht verboten zu sein. Na, also, geht doch. Die Dusche ist auf der Rückseite des Gebäudes, sagte mir der Tankwart, ein junger Kerl von höchstens 20 Jahren. Er suchte scheinbar etwas, dann bat er mich, mitzukommen. "Hier ist die Dusche", sagte er, zeigte auf eine Tür und wollte sie öffnen. Ging nicht. Er horchte an der Tür, klopfte. Nichts. "Ich hol schnell den Schlüssel...", flitzte davon und kam nicht wieder. Erstmal Kippe... Als ich diese gemütlich ausgeraucht hatte, ging ich wieder in den Laden. Von dem Typen keine Spur. Ich fragte nochmal neu an, ob den die Dusche zu benutzen wäre. "Der andere sucht gerade den Schlässel und findet ihn nicht!", sagte mir die Verkäuferin, während sie andere Kunden bediente. Irgendwann kam der Typ wieder, ging ans Telephon, fragte da nach dem Schlüssel. Dann legte er auf und erklärte mir, daß ein anderer Mitarbeiter leider den Schlüssel mit ins Wochenende genommen hätte, die Dusche also bis Dienstag wohl zu sein wird... Na, wenigstens haben sie eine, die man grundsätzlich auch benutzen kann. Immerhin. Wer weiß, wie lange wir am Ende in Manta bleiben müssen.
Unser Problem war dennoch noch nicht gelöst. Wir suchten eine weitere Tankstelle, fanden sie auch nach einiger Zeit. Es war eine PS. Die hatten keine Dusche. Gut. Das war's, dann wird eben nicht geduscht.

Jetzt wird ein Nachtplatz gesucht, denn es wird sehr bal und vor allem sehr schnell dunkel. Wir waren praktisch am Äquator, da ist es wenige Minuten nach Sonnenuntergang Kuh-Nacht, man sieht nichts mehr. Zwar ist es in der Stadt beleuchtet, aber gerade in der Stadt ist es wichtig, Nachtplätze sorgfältiger auszuwählen, als auf dem Land. Auf dem Land gibt es kaum Gesindel, da kann man sich irgendwo hinlegen und trifft meist Bauern (Campesinos), die in aller Regel friedliche und unkomplizierte Zeitgenossen sind. In den Städten sieht es anders aus. Da kann man sich seinen Fraß nicht anpflanzen, sondern muß ihn mit Geld erwerben. Wo nun das Geld hierkommt, bleibt jedem selbst überlassen. Soviel zur Theorie.

Wir fuhren nach Norden, an den Rand von Manta, aber so, daß es noch halbwegs gut aussah. Nicht in die Scherbenviertel fahren! Wenn dann durch und wieder raus, aber das war zu weit, dafür, daß wir morgen wieder hierhermußten. Wir fanden eine Reihe von kleineren Restaurants, davor ein Parkplatz, dahinter der Strand. Vielleicht hatten die ja eine Dusche, und vielleicht konnten wir ja auf dem Parkplatz bleiben. Wenn man nachfragt, kann es passieren, daß man hinterher schlauer ist. Ich ging also zum ersten Restaurant. Sah leer aus, und klar war, daß die Front des Restaurants zum Strand zeigte, ich mich also  dem Hintereingang näherte. Beinahe trat ich in ein Geierkadaver, das genau auf dem schmalen Zugang zur Hintertür lag. "Was soll denn der Scheiß?", fragte ich einfach so, zeigte drauf, machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück in Richtung Auto.

Wieso zum Geier flackt ein toter Geier ganz ungeniert vor einem Restaurant?
Das ist doch Geschäftsschädigend...

"Und?", fragte Gabi, die sich gerade eine Cigarrette angesteckt hatte. "Alter, so ein..." Weiter kam ich nicht, denn ich hörte Laub rauchsen und aus dem Baum schräg hinter uns hob gerade ein Peikan ab, seine Ladung Scheiße genau über uns auszuklinken. "Vorsicht!", schrie ich und schubste Gabi aus dem Zielgebiet. "Scheiß Viecher. Fahren wir an den Strand... Außerdem gibt's da weniger Mücken..."

Wir fuhren auf den Strand. Es ging ganz gut, da der Sand nicht trocken war. Das verlieh ihm eine Festigkeit, bei der man getrost mit dem Daimler darauf spazierenfahren konnte. Ich fuhr bis zu einem Gebilde, das auf dem halben weg war, sich von einem Sonnen schirm in einen Kiosk zu verwandeln. Für einen Sonnenschirm war es schon zu gut ausgebaut, aber für einen Kiost zu schlecht. Bestimmt haben diese Teile auch einen Namen, aber es war gerade keiner da, den man hätte fragen können.

Gabi beim Kochen. Im Hintergrund die Restaurants.

 

Es war acht Uhr Abends und seit Stunden stockfinster. Gabi kochte Nudeln. Wenn sie alles andere auch nur halb sogut könnte, wie sie kochen kann, wäre das hier eine Traumfahrt. Immer wieder kommt mir die Straßenbahnhaltestelle in Stadtbergen in den Sinn. Die scheint Gabi Mental nie verlassen zu haben. Mittlerweile waren wir seit einigen Wochen unterwegs, und es kapiert irgendwann auch der Dümmste, das das hier nicht Deutschland ist. Voraussetzung: Ein noch so kleine Bereitschaft, das zu akzeptieren muß vorhanden sein. Und davon merkte ich bei Gabi halt nicht das Geringste! Gebt mir eine Almut - und ein LapTop - und die Welt ist wieder in Ordnung.

Ich versuchte nochmal, Kolumbien anzusprechen, aber bevor das Wort zu Ende gesprochen war, donnerte mir schon ein "Nein" entgegen, gepaart mit einer Haltung, die eindeutig sagt: "Ich hör gar nicht weiter zu." Ein kleines Kind würde sich die Ohren zuhalten und laut zu singen anfangen. Aber das tat sie nichts. Schließlich wurde sie langsam erwachsen, was sich an ihrer Literatur schon klar abzeichnete, der sie sich zur Zeit widmete: "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär." Mittlerweile hatte ich mir 'Bildung' von Schwanitz genommen, den sie neulich fertiggelesen hatte und las darin umeinander. Bisher kam es mir vor, wie eine Gebrauchsanweisung: "Wie stelle ich es an, um als dummer Mensch dennoch gebildet zu klingen?"

Also nichts mit Kolumbien... Fest stand, daß diese Tour nochmal gefahren werden mußte. Warum muß alles im Leben immer am fehlenden Geld scheitern? Warum? Und warum gibt es Idioten auf der Welt, die trotz ihres vielen Geldes nicht auf die Reihe kriegen? Warum kann mir keiner von denen einfach eine Million schenken? Der würde es eh nicht merken, würde am nächsten Tag wieder auf dem Boden sprudeln oder keine Ahnung, woher das kommt. Dann würde ich den Zossen auf Vordermann bringen lassen, mir eine Almut kaufen und damit die nächsten Jahre auf Achse verbringen. In letzter Zeit kotzt mich meine Armut einfach an! Und das steigert sich merklich, je länger die Fahrt dauerte. Was ich genau für eine Rolle spielte, war nicht klar. Fahrer auf jeden Fall, aber zusätzlich kam ich mir noch vor wie ein Kindermädchen einerseits, und wie ein unartiger Schüler andererseits, der dauernd belehrt werden mußte. "Sag das nicht", "schau nicht da hin", "geh da nicht rein", "hör auf damit", "stell den Motor ab, das ist ja peinlich", "die Leute schauen schon". Das kann ich mir die ganze Zeit anhören. In 80% der Fälle gibt es keinen Grund dafür - wenn sie sich die Mühe machen würde, sich einmal die Einheimischen zu besehen, und zu beobachten, wie die sich benehmen, statt sich dauernd nur darüber aufzuregen, dann wüßte sie, daß mein Verhalten keineswegs auffällig ist, sondern höchstens mein äußeres Erscheinungsbild. Ihres auch, allerdings mit dem Unterschied, daß es bei ihr nicht damit getan wäre, sich umzuziehen und zu rasieren... Die restlichen 20% meines Fehlverhaltens entstammen meinem Naturell. Wenn ich merke, daß Leute nur glücklich sind, wenn sie meckern können, dann bin ich natülich als hilfsbereiter Mansch stets bemüht, sie glücklich zu machen, indem ich ihnen Gründe liefere, damit sie meckern können.

Das war schon während der Lehrzeit so. Als ich merkte, daß der Oberlehrling, der schon ein Jahr länger da war, mich auf dem Kieker hatte, war der den lieben langen Tag nur noch damit beschäftigt, mich anzumeckern. Das ging dann so: "Wie oft hab ich Dir schon gesagt, Du sollst den Werkzeugschrank absperren?" "Das weiß ich nicht! Habe nicht mitgezählt." "Also oft genug. Und warum läßt Du ihn dann immer wieder offen?" "Weil wenn ich ihn zumache, dann erinnerst Du mich nicht dran, daß ich ihn zumachen muß, dann vergesse ich es am Ende und alle sterben!" Und hier war es ähnlich. Ständig irgendein Schmarrn am gehen, der für normale Leute nicht erwähnenswert wäre, aber für Gabi die Welt bedeuten. Und erst widersprechen, dann wird vielleicht nachgedacht - oft mit Denkweisen, die hier einfach nichts verloren haben.

Eintrag KTB: "Pennen am Strand 749866". Ich richtete mei Lager auf den Sandblechen zurecht. Mit Moskitonetz, obwohl wir am Strand waren. Der Wind wehte nämlich vom Land zum Meer. Das haben wir damals in Erdkunde in der 8. Klasse gelernt. Tagsüber heizt sich das Land schneller auf, als das Meer, die Luft steigt auf, zieht Luft vom Meer nach, der Wind weht vom Meer zum Land. Abends kühlt das Land schneller ab als das Meer, also steigt die Luft über dem Meer und zieht Luft von Land an. Der Wind weht vom Land zum Meer - und bringt die Mücken mit sich. So einfach ist das, wenn man es einmal gesehen hat. Und damals konnte ich es mir einfach nicht merken... So. Und nun Silentium!


Voriger Tag Zum Anfang Nächster Tag

[Hauptseite] [Besolds W123] [Reiseberichte] [Gästebuch]
© by Markus Besold