Argentinienfahrt 2001
Freitag, 23. Februar

Um 4:20, etwa 113 Kilometer vor São Paulo (Rkm 4866) fuhr ich an eine Tankstelle, stellte den Wecker auf 6:00 Uhr und knallte mich auf die Rückbank.
Um 6:55 Uhr wurde ich vom Sonnenlicht und vom Lärm eines vorbeifahrenden LKW wach. Kruzefix! Hang runterrollen, die Karre springt sofort an und dann nichts wie mit Vollgas zum Flugplatz. Verdammt nochmal, beinahe hätte ich es rechtzeitig geschafft, hoffentlich hat die Kiste Verspätung! Ich war schon bald in den Vororten von São Paulo. Als ich an einem Hang einen Routineblick auf die Instrumente warf ging mir der Puls wieder hoch. Temperatur kurz vor dem roten Bereich. Motor sofort aus, Karre ausrollen lassen und nachsehen. Keilriemen weg. Prima, und das auch noch ausgerechnet in den Vororten des größten Molochs in ganz Lateinamerika.

8:15 Uhr, km 666930: Werkzeugkiste und Munitionskiste mit Ersatzteilen raus, Klimakompressor lockern, Riemen abziehen und Kompressor wieder festschrauben, dann das gleiche mit der Lichtmaschine. Einen Riemen sollte man immer vorrätig haben, das zahlt sich in solchen Situationen aus. Nach eineinviertel Stunden hatte ich es geschafft. Bald war ich in São Paulo, kämpfte mich ohne Hupe und Blinker durch bis zum Flughafen. Die Brasilianer fahren zum Glück relativ gesittet. Mit über dreistündiger Verspätung kam ich um 10:15 am Flughafen an. Kein Benno zu sehen, nirgendwo. Dieser Flughafen, der eigentlich mehr einer Frittenbude gleicht, ist völlig bescheuert angelegt, will man zur Information, dann muß man von einem Ende zum anderen latschen. Ich fragte im Swissairbüro nach, ob hier ein Passagier von dem Flug, der um ungefähr Sieben Uhr eintraf, abgegeben wurde und man sagte mir, daß der Flug nach Rio umgeleitet worden sei und jetzt bald hier in Sau Paulo landet. "Was soll das denn nun wieder?" Ich ging wieder zum International Arrival und da kam mir schon der Benno entgegen.
"Hä? Was machst denn Du hier? Dein Flugzeug ist doch noch gar nicht gelandet!"
"'türlich..."
"Nein, ich war gerade bei der Information und die Alte hat gesagt, daß der Flug erst noch kommt."
"Bei welcher Info warst denn?"
"Swissair, wo sonst?"
"Du Aff', ich hab' Dir extra geschrieben, daß ich mit IBERIA komm. Mit genauer Uhrzeit und Flugnummer. Für was schreist denn nach eMails, wenn Du sie nicht liest? Also... Lichtmaschine, Diesel-, Luftfilter hab ich, Anlasser bringt der Nicki mit, hab ich ihm per Post geschickt."

Bestens. Das klappt ja hervorragend - fast. Gute Leute muß man eben haben. Der Flug wurde übrigens deshalb nach Rio umgeleitet, weil in Sau Paulo soviele Wolken waren und der Flughafen nicht über ILS3 verfügt. "Welcome to the desert of the real..."
Erstmal weg hier nach Campinas ins Haus, abladen, Lichtmaschine einbauen, so kann es schließlich nicht weitergehen. Vom Flughafen kommt man direkt hinein ins richtige Brasilien. Wir fuhren wieder am verfaulten Fluß Tietê entlang. Einer kam gerade vom Baden aus dieser pechschwarzen Drecksbrühe herausgestapft, war patschnaß und aus dem Auto vor uns brüllt einer raus: "Und? Geiles Bad, oder?"
Um 16:30 Uhr waren wir längst in Campinas, die Reparatur war abgeschlossen und der Urlaub konnte beginnen.

Kilometerstand bei Ankunft: 667.136 km
Gesamtstrecke: 5.146 km


In den folgenden Wochen bis zum 17. März war Flugtouriurlaub angesagt. Nicki kam am 1. März mit dem Anlasser nach, sein erster Kommentar, bei der Fahrt durch São Paulo: "Was geht denn hier ab. Das Land ist so im Arsch..."
Wir fuhren ab und zu ein wenig durch die Gegend um Campinas, Diskos und ähnlichen Schrott besuchen, alles nicht mein Fall, aber bei passender Gesellschaft nicht unerträglich. Es wurde auch mal an den Strand nach Santos gefahren. Irgendwann war der Motoranschlag durchgefault, weil über Jahre das Öl aus der Lankung darauf getropft war. Im Leerlauf und in Kurven vibrierte das ganze Auto. Ich konnte sogar einen für Umsonst auftreiben - in Brasilien - ich habe es selbst kaum geglaubt.
Irgendwo erreichte mich die Nachricht, daß ein augsburger Motorradfahrer in Campinas sei. Den mußte ich treffen.

Am Mittwoch, den 14. März saßen wir Augsburger am Motorradfahrertreffpunkt in Campinas beisammen. Das ist schon eigenartig. Augsburg ist ein Nest, jeder kennt jeden. Erwin hatte ich vorher nie gesehen, man trifft sich in der 10.000 km entfernten Zweimillionenstadt zufällig, weil er zufällig die Ingrid anspricht, die ich durch Zufall mal in Augsburg kennengelernt hatte. Er war vor 22 Monaten von Deutschland aus in Richtung Osten losgefahren, durch Rußland, USA, die Panamericana hinunter und nun war er hier, machte in Campinas kurz Station bei seinem Bruder und war eigentlich schon auf dem Heimweg. Ich erzählte ihm vom meinen schlimmen Erlebnissen im Hafen von Santos und er lachte mich aus: "Das weiß jedes Kind, daß man nicht nach Brasilien verschifft." Er fragte mich über meine Strecke in Afrika aus, da er sich erst überlegt hätte, ob er nicht über Westafrika zurückfahren sollte. Diesmal war es an mir, zu lachen: "Du willst Dein Motorrad wohl loswerden?" Der Plan war aber inzwischen schon verworfen, da er schon einen Flug nach Spanien organisiert hatte. Aber auch ihn hatte die brasilianische Bürokratie nicht verschont, obwohl er gar nicht rein, sondern raus wollte. Hier sein Rundmail von ihm an alle nach seiner Ankunft in Deutschland. Er ist 33 und eigentlich Journalist, finanziert sich u.a. über Reiseberichte - irgendwas mach ich doch falsch... Zum Arbeiten hatte er genausoviel Lust wie ich, nämlich gar keine, was ich voll und ganz verstehe.
Man merkte schon sehr bald, daß bei uns vieren Welten aufeinanderprallen. Auf der einen Seite die Flugtouristen. Leistungsträger, die den kurzen Urlaub benötigen, um anderweitig etwas auf die Beine zu stellen. Auf der anderen Seite die Fahrtouristen, die Leistungsverweigerer, die kurz mal Arbeiten gehen, um Reisen zu können. Völlig unterschiedliche Wellenlänge, aber was soll's... "Prost, Jungs! Auf die Heimat!"


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