Libyentour 1999
Freitag, 27. August

Der Wind blies heftig in der Nacht, wie immer aus Nordost und ich baute einen Windschutz, der zwar nicht wirklich vor dem Wind schützte, aber wenigstens den Sand einigermaßen auffing. Eigentlich sollte es so sein, daß der Wind tagsüber weht und in der Nacht abflaut, aber der war einfach zu dumm und verhielt sich genau umgekehrt. Am Morgen hatte er dann aufgehört, dafür kamen die Fliegen und die Sonne, die immer heißer wurde. Almut, die immer als erste wach war und mit zwei Sätzen auf die höchste Erhebung in der Gegend sprang, um Hegel oder Kant zu lesen erstattete in aller Frühe Meldung, ungefähr so: "Herr Kaleun. Wind Nordost. Tendenz rechtsdrehend. Gute Sicht. Barometer tausenddrei Millibar. Kamelfarm auf 180°. Keine besonderen Vorkommnisse."

Die Bestätigung ließ nicht lange auf sich warten. Ein paar Kamele, die wohl zur gemeldeten Farm gehörten beehrten uns mit einem Besuch, nachdem sie einige Ginsterbüsche zum Frühstück vernichtet hatten. Wie man das Zeug bloß fressen kann? Kein Wunder, daß man den ganzen Tag mit Kauen beschäftigt ist, denn dieser Ginster fühlt sich an wie Stacheldraht. "Kamel (Camelidae), Fam. wiederkäuende , hochbeiniger, langhalsiger Paarhufer, vor allem in wüsten- und steppenartigen Landschaften Nordafrikas, Südwest- und Zentralasiens und des westlichen Südamerikas.
Man unterscheidet vier Arten: Dromedar (Einhöckriges Kamel), Guanako (Huanako), Kamel (Hauskamel, Zweihöckriges Kamel, Trampeltier) und Vikunja (südamerikanisches Kamel)."
Quelle Mayer's Lexikon

Am späten Nachmittag, wie meistens, ging es weiter. Wir fuhren hoch nach Ajdabiya, an die Küste und von dort nach Westen, in Richtung Tripolis. In oder kurz vor Mersa el-Braiga setzten wir uns wieder in ein Café. Am späten Nachmittag gesellte sich ein nach westlichem Vorbild gekleideter Mann zu uns. Er bezahlte unsere Rechnung und lud uns zu sich nach Hause ein. Er wohnte in Bin Jawaad. Er wäre gerade auf dem Weg nach Benghasi, aber seine Frau würde sich schon um uns kümmern. Wir lehnten ab, machten aber aus, am nächsten Tag um 19:00 Uhr vorbeizuschauen. Wir bestanden darauf, in der Wüste zu übernachten, was ihm völlig unbegreiflich war. Er verstand nicht, was an der Wüste so toll sein soll. "Da gibt es doch nichts!". Eben, aber dafür haben die Einheimischen an der Küste kein Verständnis. Allgemeine Aufbruchsstimmung, alle fahren. Er nach Osten, wir nach Westen. In Bin Jawaad Treibstoff- und Proviantergänzung.

An der Tankstelle kam ich mit dem Tankwart ins Gespräch. Es war ein Neger und machte einen sehr netten Eindruck. Leider konnte er mit meinen mühsam zusammengeklaubten Brocken Arabisch nichts anfangen, denn er war aus "Naitschiria" und erst seit einem Monat da. Die Verständigung klappte dann auf Englisch schon wesentlich besser. Er hieß Edmund und war mit seinem "Frrend" Collins per Anhalter mit dem LKW aus dem Süden gekommen. Wollte sich die Welt mal ansehen. Adressen ausgetauscht, denn - darin waren wir uns einig - es ist sicher kein Nachteil, wenn man möglichst überall auf der Welt Leute kennt - falls man mal was braucht.

In Libyen gibt es für arabische Staaten außergewöhnlich viele Neger, besonders im Süden. Sie kommen als Gastarbeiter und wenn man das Grüne Buch des Obersten Gadaffi liest, dann erweckt es den Anschein, als hätte er eine gewisse Sympathie für die afrikanischen Völker. Danach ging es weiter. In Sirt fuhren wir auf die östliche Nord-Süd-Verbindung und versuchten, wieder ungefähr den Nachtplatz des letzten Jahres zu finden. Ging nicht. Man sah in der Dunkelheit nichts. Wir fuhren einfach planlos ab und versuchten möglichst viel Abstand zur Straße zu gewinnen.


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