Reparatour Marokko 2004
Sonntag, 8. August

Heute hatten die Werkstätten zu. Richtig durchblicken kann man da nicht wirklich. In der Schule lernten wir, daß die Baraber an Freitag, die Juden am Samstag und die Christen am Sonntag ihren Sonntag haben. Leider haben die Marokkaner nicht dieselbe Sozialisation genossen wie wir Europäer, haben nicht unsere Schulen besucht, und daher weiß hier auch keiner, wann so richtig Sonntag ist. Vieles ist immer offen, vieles andere gar nicht und manche Institutionen suchen sich ihren Sonntag einfach aus. So scheint es mir zumindest. War auch nicht wichtig. Ich nutzte eben die Zeit, um Berichte zu schreiben, CDs zu brennen, Akkus zu überprüfen, Bilder herunterzuladen. Es hat sich eingebürgert, daß unten gefrühstückt und oben zu Abend gegessen wird. Immer da, wo es kühler war.

Beim Sonntagsfrühstück.

Ines Mitbewohner waren Amerikanerinnen. Waren hier, um Arabisch zu lernen, soweit ich das mitbekommen habe. Kann nur damit zusammenhängen, daß die Amerikaner in Zukunft wohl zwangsläufig öfter mit dieser Sprache in Berührung kommen werden. Von dem, was ich bisher von Arabern gesehen, gehört, mitbekommen habe, haben sich die Amis da wohl was eingebrockt. Die Brüder sind planlos, unorganisiert, machen sich keine Birne um nichts - aber sie sind keine dämlichen Deutschen, die sich nachher noch herzlich bedanken, dafür, daß man sie erschlägt. Das macht kein Araber.

Am Abend fuhren wir zur Burg. Bald kamen auch schon einige Polizisten, die uns sagten, daß wir Bilder machen sollten, und dann gleich wieder ins Auto und weg. Das veranlaßte mich natürlich dazu, Ines nach dem Befinden der Kriminalität hierzulande zu fragen. Es sei wohl öfter vorgekommen, daß Jugendliche Leute auf offener Straße überfallen hätten. Als Ausländer sei man weniger gefährdet, es handelte sich immer um wohlhabende Marokkaner. Sie selbst hätte nie etwas mitbekommen. Generell ist die Kriminalität in Islamischen Ländern wesentlich geringer, als in den westlichen Ländern, was aber wieder nur daran liegt, daß Auswanderer im Allgemeinen zum größten Teil aus asozialen Subjekten bestehen. War ja noch nie anders. Zitat eines türkischen Reiseführers: "Ihr braucht keine Angst haben wegen Dieben, denn alle, die asozial waren, haben wir schon lang nach Deutschland geschickt."

Die Burg selber befand sich in Renovierung, wir besichtigten sie nicht, dafür fuhren wir zu den Gräbern. Es war nicht leicht, den Eingang zu finden, aber irgendwie wurschtelten wir uns über Pisten und Seitenstraßen hinter ein Hotel und standen plötzlich völlig unerwartet an Ruinen. Was das mal war, das kann ich als professioneller Banause natürlich nicht sagen.

Was auch immer es ist, mit einem Daimler, dezent und unauffällig hineingeschoben, sieht alles besser aus.

Wir nahmen zum herausfahren nicht den Weg, den wir gekommen waren, sondern den anderen. Irgendwo würde er schon hinfahren. Bald standen wir auch wieder vor dem Hintereingang des Hotels, diesmal von der Außenseite. Von der Straße trennte uns eine halbverrottete und bereits am Boden liegende Schranke. "Ich kann schnell aussteigen und die Schranke hochheben", sagte Joe. "Brauchst eigentlich nicht. Wir müßten da durchpassen." "Ich kann schon aussteigen..." "Naja, muß ja nicht sein." Er stieg aus, hob die Schranke an, ich fuhr durch. Plötzlich Hundegebell. Wir sahen vorhin, als wir den Weg zu den Ruinen suchten, einen Köter hinter dem Hintereingang des Hotels sitzen, doch der war angekettet. Das konnte nur der Hund sein. Doch hinter dem Auto huschte plötzlich etwas. Ich konnte Joe nicht sehen, aber irgendwas tat sich da draußen, das Gebell war aggressiv und wurde immer lauter. Joe kam an die Fahrzeugtür herangestürmt. Das letzte, was mir in dem Moment einfiel, war die verdammte Tür, die sich doch von außen nicht öffnen ließ. Almut erfaßte die Situation etwas schneller, versuchte den Griff zu ziehen, doch kam nicht ran. Da schrie sie: "Mach auf!!!" Zack, sprang auch schon die Tür auf und Joe kam ins Auto. "Fuck! Scheiß Drecksköter." Es war nicht der angekettete gewesen. Überfahren konnte man vergessen. Nicht mit einem 200D und schon gar nicht, wenn der Köter nicht mehr auf der Straße ist. "Und scheiß Dreckstür. Das wird mir geändert!", fluchte ich weiter. Die Türen vorne rechts und hinten links ließen sich nicht von außen öffnen. Und bei Hundeangriffen ist es ohnehin völlig falsch, in das Auto zu springen. Da begibt man sich freiwillig in die Hilflosigkeit. So schnell wie m÷glich auf das Auto springen. Da hat man dann den Vorteil, von oben nach unten treten zu können. Einfach festhalten und den Befehl zum anfahren geben. Sitzend, im Auto kann man sich nicht wehren. Aber es muß wohl ein Straßenköter gewesen sein, er griff nicht an. "Die Panzer müssen in Bewegung gehalten werden..." (Generaloberst von Manstein)

Anschließend gingen wir nach Will Nowell eine Pizza abholen. Dort gab es Pizzerias. Typische Almutbestellung: eine große Pizza für mich, eine große Pizza für Joe, eine kleine Pizza für Ines und Almut zusammen. "Wir teilen sie uns..." Überflüssig zu erwähnen, daß ihre Pizza kaum Belag hatte. Daß die beiden einen gewaltigen Schaden haben müssen, das wußte ich schon von der ersten Sekunde an, als ich sie damals in der Cyrenaika traf. "Fragts doch, ob er trockenes Brot hat oder Küchenabfälle. Gibt's sicher umsonst", kam ich ihnen blöd. Dann doch noch ein Plan: "Wir brauchen einen Wein", stellte eine von beiden fest. Das stimmte. Schlecht wäre das nicht. Erst wollte ich mit Ines losziehen, aber am Ende zogen Ines und Almut los. Sie ließen uns in der Pizzeria ohne Sprachkenntnisse und ohne Geld. Ich schnappte mir eine Cola und setzte mich auf den Kofferraum. Ein Schuhputzschlurfi kam vorbei. Bei den Stiefeln lohnt es sich nicht mehr wirklich, aber es war schon so lange her, daß ich mir die Schuhe putzen ließ und zu tun hatte ich auch nichts und der Typ zog mich schon die ganze Zeit am Hosenbein, ließ sich nicht dadurch beeindrucken, daß ich ihm sagte, daß ich kein Geld hatte, so daß ich nicht anders konnte, als den Fuß auf der Schuhputzkiste zu plazieren. Bestimmt 10 Minuten versuchte er, in diese völlig aufgetragenen Schuhe eine Art von Glanz hineinezubürsten. Hoffnungslos. Ich konnte ihm nicht mal klarmachen, daß der Abbeizfleck da nicht mehr rausgeht, weil da das Leder verätzt ist. Er zog seinen Schlüssel aus der Tasche und machte sich fieberhaft daran, die hartnäckigsten Flecken mit Gewalt aus den Schuhen zu kämpfen. Und ich saß da wie der Großgrundbesitzer in meiner weißen Tropenuniform, Colatrinkend und Cigaretterauchend. Er bekam natürlich auch eine. Da arbeitet sich's leichter. Als es ans bezahlen ging, erklärte ich ihm erneut, daß mein Geld gerade beim Supermarkt ist und er warten müßte. Das tat er auch. Irgendwann kamen Ines und Almut an. Eigentlich hieß es einen 5er. Ich sagte ihr, sie solle ihm einen 10er (=1 €) geben. "Spinnst Du? Einen 10er für's Schuheputzen?", fragte Almut. Nicht aus Geiz, sondern vielmehr aus Verwunderung, weil gerade ich wortlos den geforderten Betrag zahlen wollte, schätze ich. Er bekam einen Fünfer, bedankte sich und ging.

Wir fuhren los, der Parkplatzwächter bekam auch einen Fünfer - für nichts, denn ich war die ganze Zeit beim Auto. Dammbruch hin oder her; Leistung sollte belohnt werden und warum demjenigen, der was tut genausoviel geben, wie demjenigen, der nichts tut? Das ist das deutsche Sozialgehabe: "Auch der, der nichts tut soll das Recht haben zu existieren." Bitte. Wenn sie meinen. Diese Einstellung kam mir schon des öfteren zugute. Solange jemand da ist, der dafür zahlen mag, soll es mir recht sein. Gutgehen kann das nicht, denn es verstößt gegen gewisse Naturgesetze, die der Mensch nicht außer Kraft setzen kann, weil er sie nicht schuf. Ich fragte mich jedoch, ob ich mich in diesem letzten Jahr Amerika wirklich so grundlegend verändert hätte. Wir latschten wieder durch die Medina zurück und ließen uns unsere Pizzen schmecken. Ines und Almut wollten am nächsten Tag irgendwohin fahren. Wir machten einen Plan hierzu.

Hier sind sie, die vorm breiten Stein
Nicht wanken und nicht weichen,
Die ohne Geld bei Cola und Wein
Den Herrn der Erde gleichen...

Da saßen wir wieder mal. Ich kann mich gut erinnern an die Zeit, da ich das Rauchen anfing. Es gab damals einen Tabak, der hieß Casablanca. Auf der Packung hieß es: "Schmeckt wie ein junger Abend irgendwo im Norden Afrikas." Damals klang es nur gut. Was ein junger Abend im norden Afrikas wirklich ist, das sollte ich erst viele Jahre später erfahren. Und sicherlich zählt das zu den besten Erfahrungen, die ich im Leben gemacht haben werde. Die Abende im Norden Afrikas haben einfach etwas, was alle anderen bisher erlebten Abende nicht hatten. Doch ich habe leider keine Ahnung, was es genau ist. Vielleicht auch nur das Bewußtsein, daß man eben in Nordafrika ist. Hier fing alles an. "Westafrika muß schon nochmal gehen", sagte ich zu Almut. "Beim nächsten Mal bin ich auch dabei!", fiel Ines ein. Joe sowieso. Den brauchen wir, an dem haben sich die Neger immer verzweifelt die Zähne ausgebissen, wenn Almut und ich schon längst entnervt in Schimpftiraden ergingen.
Die besten Leute trifft man unterwegs. Alte Weisheit - weiß nicht woher. Das einzig reale im Leben ist der Zufall. Eine Weisheit von Peter Kohle. Wer hätte vor sechs Jahren gedacht, daß aus dieser zufälligen Bekanntschaft, die wieder nur durch eine Reihe von weiteren Zufällen zustandekam, eine derartige Fahrgemeinschaft entstehen könnte?
Ines freute sich schon darauf, wieder mit dem Auto durch die Gegend zu fahren, hinunter in die Wüste. Und mich hatte längst das Sehnen ergriffen, wieder alles liegen und stehen zu lassen und südwärts zu fahren. Das gleiche Gefühl, das mich damals im August 1999 in Libyen ergriff, und das mich nicht losließ, bis wir endlich im Auto saßen und es tatsächlich nach Afrika ging. Ich hatte das befürchtet, schon in dem Moment, als ich wieder im Auto saß, mit derselben Besatzung, mit der ich die Westafrikatour absolviert hatte. Doch diesmal waren wir noch nicht soweit. Die Besatzung war vollzählig, doch es fehlte am Geld und das eigentliche Auto stand in Los Angeles. Bevor die Fahrt angetreten wird, muß das Auto wieder flottgemacht werden. Das wird Zeit und eine ganze Menge Geld kosten. Es sieht wesentlich schlimmer aus, als dieses blaue Exemplar, das wir auf dieser Fahrt hatten. Das ganze Heck droht abzufallen, die Risse unter den C-Säulen werden immer länger die Spur hinten ist total verzogen. Zum Einstellen ist mindestens eine Rahmenrichtbank notwendig. Keine Ahnung, wie ich dem beikommen soll - Vorschläge werden gerne angenommen. Um eine neue Karosserie werde ich wohl nicht umhinkommen.

Wir legten uns nieder, wie immer, auf dem Dach. Mich wundert es ein wenig, daß es hier so still ist. Das Haus ist dermaßen hellhörig, daß man überall hören kann wenn jemand woanders redet. Wenn in Ines' Zimmer das Radio ganz leise läuft, hört man das Glasklar auf dem Dach oder unten in der Küche. Und wir befinden uns mitten in der Medina. Da leben tausende von Arabern und die reden nicht, sondern die brüllen für gewöhnlich. Aber nachts hört man keinen einzigen Ton. Nachdem der Muezins nach Sonnenuntergang versuchen, sich mit ihrem "Allah hu Akhbar" zu überkreischen, ebbt der Lärm auf den Straßen ab und eine Totenstille kehrt ein, die sogar die Köter zu respektieren scheinen. Direkt unheimlich.


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