Afrika 2000
Erste Etappe
Samstag, 26. August

Irgendwer machte Frühstück - ich nicht. Ich meldete mich nur freiwillig zum Spülen. Igl war schon wesentlich besser ausgerüstet als unsereins. Bei allem. Er hatte Faltkanister, Freßkram, eine Photoausrüstung, von der ich nur träumen konnte, Vierradantrieb. Bei der Saharaausrüstung haperte es bei Igl allerdings noch ein wenig, aber das Auto macht einiges Wett, denn wenn er auch die kleineren Bleche hat, er packt sie später aus und früher wieder ein. Ich hatte ihm ein 1,5 m langes zerflext, das ich übrig hatte. Das hatte er nun im Kofferraum. Die Flex, die ich dabei geliefert hatte, hatte ich im Koferraum - bei ihm wäre kein Platz dafür gewesen. Der kurze Pajero hat nämlich einen Kofferraum, der ein wenig größer ist als das Handschuhfach, nicht wirklich für Koffer gedacht. Ansonsten ein gutes Geländeauto.

Unser Nachtlager bei Tageslicht. Igl bei der Schadensbegutachtung.
An der Hauswand lehnend, der Hausherr.

Es war lange nicht mehr so windig, wie am Abend zuvor. Die Sonne strahlte und es war angenehm warm. Wir fuhren weiter. Wir wollten bis zu einem im Därr beschriebenen Rastplatz bei Larache. Dort kann man für umsonst Duschen. Wir hatten vor, dort zu Mittag zu essen und darüber zu beratschlagen, wie denn nun das weitere Vorgehen aussehen sollte. Auf dem Weg nach Larache kamen wir zum ersten mal seit langem wieder und Igl zum ersten mal überhaupt in den charmanten Dorfverkehr, der typisch für viele arabische Länder ist.

Ein unaufhörliches Kommen und gehen von Mensch, Tier und Fahrzeug. Alles ist in Bewegung, alles wuselt vor sich hin. Es hat was, es ist richtiger Wohlfühl-Verkehr. Man fährt mehr aus dem Handgelenk vor sich hin, alles freut sich, alles lacht, alles quietscht. Die Regeln sind mehr dazu da, um festzustellen, wer Schuld war, wenn was passiert ist, was nicht heißen soll, daß hier alle rumbrechen wie die Bekloppten, im Gegenteil, hier fährt man miteinander und nicht gegeneinander. Ich mußte ein bißchen zusehen, daß Igl hinterherkommt, er ist kein schlechter Fahrer, vielleicht ein wenig Gasfußig, aber er beherrscht die Kiste. Und für ihn war es wie der berühmte Sprung ins kalte Wasser, er kannte den südländischen Verkehr nur in der Theorie und hinzu kam, daß er einen ständig jammernden Beifahrer im Ohr hatte, aus der Masse der 123er unseren heraustrennen und folgen mußte, aber er bekam es in den Griff, wenn es mit dem Abstand auch ein wenig haperte. Too close. Aber nicht übel, wenn ich denke, wie blöd ich mich damals in Rom angestellt habe. Dabei braucht man nichts weiter machen als die Augen zu benutzen.

Hört ihr die Motoren singen?:

"Die Welt gehört den Führenden,
sie gehn der Sterne Lauf.
Wir sind die stets Marschierenden
Und keiner hält uns auf..."

Ein letztes mal sahen wir die Meerenge von Gibraltar, der letzte Rest Europa, das bald für unbestimmte Zeit unseren Augen entschwinden wird. Vor drei Jahren standen wir mit dem selben Auto auf jener Seite und ich starrte auf Afrika und dachte mir, wann es wohl soweit sein würde, daß wir uns dort hinüber wagen, ohne jedoch daran zu glauben, daß das jemals der Fall sein könnte. Es erschien mir so irreal und phantastisch, daß ich, nachdem mich die spanische Realität wieder hatte, überzeugt war, daß ich höchstens mit dem Finger auf der Landkarte nach Afrika kommen würde. Nun stehen wir zum dritten mal auf dem Boden dieses Kontinents. Es ging wirklich schnell und wie von selbst. Wenn ich heute daran denke, wie ich mir das damals vorstellte, muß ich lachen. Afrika, Wüste, big Adventure. Doch dem ist nicht wirklich so, denn steht man erst mal da, hat alle Vorgänge, die dazu nötig sind, hinter sich gebracht - also ein wenig Fahren, Fährbuchung und einen lächerlichen Grenzübertritt - dann ist nichts mehr mit big Adventure. Man steht auf der anderen Seite, weil man eben hergefahren ist, es gibt nichts zu verklären. Keine Hexerei, nichts anderes, als von Augsburg - Göggingen nach Gersthofen zu fahren, zwar wesenlich länger, doch genau so logisch nachvollziehbar. Und nun stehen wir da. Igl auch, der 5 Jahre jünger ist als ich 1997 war. Wie ihm das wohl vorkommen mag? Meine erste Feindfahrt - die einzig wirkliche Feindfahrt, da mit Freundin unterwegs - führte mich nach Barcelona, Igls erste Fahrt sollte ihn gleich mal in die marokkanische Sahara führen.

"Ein letzter Gruß geht noch zurück
Der Heimat gilt der letzte Blick."

In Larache angekommen, ließen wir wie geplant den Nachmittag gemütlich verstreichen, duschten, füllten den Brauchwasserkanister auf, machten ein PicNic auf der Wiese unter schattenspendenden Bäumen. So läßt es sich aushalten. Die Lagebesprechung brachte wenig Nachvollziehbares und nicht viel Neues, die Hauptaussage war: Man muß Marokko möglichst schnell verlassen, damit kein Unfall passiert. Der Igl-Beifahrer jammerte, ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, den Weg fortzusetzen und Igl meinte, er müßte wegen der Versicherung heim.
Es war sein erster Unfall, ansonsten müßte er wissen, daß es eine Versicherung langweilt, ob er gerade in Marokko, München oder Madagaskar ist. Anlegen des Pajero in Augsburg sollte am Freitag erfolgen, das heißt: Rückmarsch ist für Dienstag festgesetzt. Bißchen früh, aber man will niemanden zwingen... Laut Marokkoreiseführer soll es in Mhammid etwas sahariges zu sehen geben, wäre zwar wirklich saublöd, nach Marokko zu fahren und sich nicht in die Sahara zu begeben, aber einfach nur an den Rand hinfahren ist auch nicht das Wahre. Mhammid lag nicht weit weg und war kein zu großer Umweg.

Gegen 16 Uhr fuhren wir los, mußten noch ein Stückchen schaffen, wir fuhren durch Rabat und Casablanca, wo wir die Hassan-II.-Moschee besichtigten. Diese Städte sehen in meinen Augen alle gleich aus. Als ich an einer Ampel eine Fußgängerin nach dem Weg nach Rabat fragte, sah sie mich an, als hätte ich sie nach dem Weg zum Mond gefragt. Als ich sie schon für dumm erklären wollte, klärte mich Almut auf, daß das eine völlig normale Reaktion sein dürfte, wenn man in Rabat nach dem Weg nach Rabat gerfragt wird.

Landschaft in Nordmarokko
Landschaft in Nordmarokko.

Wir fuhren wieder durch die Nacht. Bei Khemisset verließen wir dann die Straße, fuhren einen Feldweg oder eine Piste entlang, immer bemüht, die Straße im Rücken zu haben. Das Terrain war etwas sonderbar. Wüste konnte es noch nicht sein, aber für einen Acker war alles viel zu karg. Es brachte auch nichts, die Gegend auszuleuchten, wir wußten einfach nicht, was das hier war, also suchten wir uns einen guten Platz, möglichst weit von den Feldwegen oder Pisten und bastelten auf der Ebene (Acker, Hammada, keine Ahnung) mit beiden Fahrzeugen eine Wagenburg, sogut das mit nur zwei Fahrzeugen eben ging.

Zum Abendessen gab es Nudeln mit Soße und anschließend Tee. Schöner Sternenhimmel, kein Mond aber noch viele störende Lichtquellen, verursacht durch Fahrzeuge. Als Igl fragte, ob es besser sei, das Auto abzusperren, habe ich ihn ausgelacht.


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