Fahrt nach Verdun 2000
vom 10. bis 12. Juni

Eigentlich werden solche Kurztrips nicht mit einer eigenen Seite bedacht, denn das würde ausarten, aber in diesem Falle sei mir eine Ausnahme gestattet, da diese Trichterlandschaft immer noch und immer wieder tief zu beeindrucken vermag. Schon einige male zog es uns in die Gegend von Verdun, an den Ort, an dem vor nicht allzu langer Zeit eine Schlacht stattfand, gewaltiger als alles, was sich ein Mensch vorstellen kann. Die Gegend ist nicht Jedermanns Sache, ich finde dennoch die Bezeichnung "grausam schön" zutreffend.

Igl Fahrer bis zur Autobahn
Diessl Beifahrer
Besold Fahrer

Kilometerstand bei Abfahrt: 629.244 km


Samstag, 10. Juni 2000
16:20 Uhr: Der für Mittags angesetzte Abfahrtstermin fand statt. Die Fahrt nach Verdun zieht sich doch jedesmal wieder in die Länge obwohl man von Anfang an auf der A8 ist. Spätestens wenn man nämlich in Frankreich ist und schutzlos dem Kreisverkehrsfanatismus der Franzosen ausgesetzt ist, landet man meistens irgendwo, wo man gar nicht hin will. So auch wir. Eine gemütliche Unterhaltung bei leiser Musik muß bei jeder Fahrt drinsein. Wenn man aber ständig aufpassen muß, damit man sich nicht verfährt, was eigentlich Aufgabe der Beifahrerinnen ist, dann ist die Fahrt nicht mehr gemütlich. Jedenfalls waren wir schneller wieder in der BRD, als wir zu fürchten gewagt hatten, der wir für einen Tag entronnen zu sein glaubten. Und in der BRD ist für mich nicht gut fahren.Die einzigen Bullen, die wir sahen waren zwar mit einem Unfall beschäftigt und hatten keine Zeit für uns, aber es ist und bleibt ein unangenehmes Gefühl.
Einer blöder als der andere...

Sonntag, 11. Juni 2000
Um 0:25, nach 601 km kamen wir an unserem Übernachtungsplatz an: Ein guterhaltenes französisches Fort im Festungsgürtel um Verdun, das wir erst im zweiten Anlauf fanden. Wir suchten uns einen schönen Raum aus, in dem nicht viel Schutt rumlag und wurden dabei einige male von Fledermäusen belästigt, die sich wohl ihrerseits durch uns belästigt fühlten. Wir fanden auch bald einen Raum, es war die ehemalige Munitionskammer, aber urgemütlich. Der Erdboden sah bei Kerzenschein aus wie ein Samtteppich, das Gewölbe äußerst romantisch. Ravioli zum Abendessen, dann Zapfenstreich.
8:00 Uhr Wecken. Von irgendwoher versuchte das Tageslicht sich seinen Weg zu bahnen, aber es hatte keine Chance. Draußen regnete es und wir trafen zwei Franzosen, die auf eigene Faust eine Führung durch das Fort veranstalteten. Sie kannten sich aus und irgendwie verstanden wir uns auch, wenn es auch ein bißchen schwer war. Dieses Fort ist eigentlich nicht zur Besichtigung freigegeben, auf der dem Feind zugewandten Seite muß man nicht lange suchen um auf Blindgänger zu stoßen. Granaten aller Kaliber und Schrapnells liegen mehr oder weniger offen auf dem Gelände verstreuet und die Granattrichter, von denen einer an den anderen grenzt zeugen davon, daß es durchaus unangenehm werden könnte, wenn so ein Ding ob unsachgemäßer Behandlung in die Luft geht. Ich sah davon ab, einen dieser Blindgänger als Souvenir mit heimzunehmen und als vorläufig letztes Opfer des Großen Weltkrieges in die Annalen einzugehen.
So ein Fort ist im Wesentlichen eine unterirdische Angelegenheit. Gänge, Stollen, Tunnels, Beobachtungsstände, die über Tunnels erreicht werden, alles noch original aus den Jahren 1914 - 1918. Das Innere dieser Anlagen vermitteln ein Gefühl tiefster Geborgenheit - zumindest in Friedenszeiten. Ich könnte mich hier monatelang aufhalten. Trichter, Stacheldraht, steinerne Mauern...
Zum ersten Mal besuchte ich dieses Fort mit der Berufsoberschule. Unser damaliger Lehrer, Herr Thies, der mehrere 123erbesitzt, ist Verdunspezialist, und fährt mit seinem Bus jedes Jahr hierher, über ihn kamen wir an dieses Fort, das weitab jeder größeren Straße liegt. Dieses Fort steht nicht auf den Touren, da es noch nicht Tourigerecht gemacht ist. Steht auch dran: „Danger der Mort“. Ob hier Minen verwandt wurden, das weiß ich nicht und wir hielten uns auf der Frontseite mit großen Geländespaziergängen zurück. Die hinteren Stollen und Gänge besichtigten wir aber. Ich konnte mich erinnern, daß ich damals mit der Schule beinake mit dem Aug in einen Nagel gerannt wäre, der auf fieseste Art und Weise aus der Stollenwand heraussteht, etwa 10 cm in den Raum und dann auch noch mit der ekelhaft rostigen Spitze im rechten Winkel genau in die Richtung, aus der man in den Stollen kommt. Wir gingen durch und kamen wieder ans Tageslicht. Das muß wohl als Maschinengewehrnest gedient haben.

Nach dieser Fortbesichtigung fuhren wir in Richtung Verdun, zur Panzerfeste Douaumont. Verdun wurde der Inbegriff für ganze Sinnlosigkeit des Krieges. Nachdem die deutsche schwere Artillerie ähnliche Festungen in Belgien in Trümmer geschlagen hatte, hatte die französische Führung die Forts für Sinnlos erklärt und sogar mit deren Demontage begonnen. Der strategische Wert war kaum vorhanden, der moralische aber blieb. Und genau hier entbrannte einst die Schlacht der Schlachten. Noch nie zuvor hatte eine so lange Schlacht auf so engem Raum stattgefunden, an der so viele Soldaten beteiligt waren, noch nie eine Schlacht mit solchen Verlusten. Falkenhayns "geniale" Idee, die französische Armee auszubluten führte zu nichts. Das einzige Resultat war, daß hüben wie drüben etwa eine halbe Million Menschen fehlte.

„Hinter dem französischen Abschnitt der Westfront gibt es in Reichweite Ziele, für deren Behauptung die französische Führung gezwungen ist, den letzten Mann einzusetzen. Tut sie es, so werden Frankreichs Kräfte verbluten, da es ein Ausweichen nicht gibt, gleichgültig, ob wir das Ziel erreichen oder nicht. Tut sie es nicht und fällt das Ziel in unsere Hand, dann wird die moralische Wirkung in Frankreich ungeheuer sein ... Die Ziele, von denen hier die Rede ist, sind Belford und Verdun.“
Erich von Falkenhayn: Die Oberste Heeresleitung 1914-1916 in ihren wichtigsten Entschließungen, Berlin 1920.

Falkenhayn glaubte, der Schlüssel zum Sieg läge darin, die französische Armee bei Verdun auszubluten. Am 21. Februar 1916, 8:12 Uhr ging der Feuerzauber los. Aus 1200 Geschützen ging ein neunstündiges Trommelfeuer auf die Feste nieder, dann rückte des Kronprinzen fünfte Armee vor. Schon am 25. Februar war die Feste Douaumont in deutscher Hand. Dieses Fort ist legendär, kaum eines um das so erbittert gekämpft wurde, es war das modernste, größte und wichtigste Fort im Festungsgürtel. Eingenommen wurde es von Teilen des brandenburgischen Infanterie-Regimentes Nr.24, die eher zufällig in das Fort gestolpert waren, sich vor der eigenen Artillerie mehr in Acht nehmen mußten als vor der des Gegners. Sie drangen in die Feste und nahmen die Besatzung mehr oder weniger kampflos Gefangen. Pétain pumpte Reserven nach Verdun hinein, was Falkenhayn gerade recht war. Doch schon nach wenigen Tagen kam der deutsche Vormasch zum erliegen und ging in einen für beide Seiten gleichermaßen Verlustreichen Stellungskrieg über, der die Schlacht um Verdun prägte. Doch die Schlacht stand erst an ihrem Anfang, denn natürlich setzten die Franzosen alles daran, das Fort zurückzuerobern, so lag die Festung fortan unter ständigem Artillerie-Beschuß, bis es am 2. November von den Franzosen wieder besetzt wurde. Danach lag es wohl unter deutschem Artilleriefeuer. Beeindruckend sind die berühmten Luftaufnahmen des Forts Douaumot vor und nach der Schlacht um Verdun.

Die Überreste von Frankreichs stolzester Festung. Von brandenburgischen Regimentern im Handstreich genommen entbrannte hier eine Schlacht, die symbolisch für den gesamten Krieg werden sollte. Das war die Schlacht der Schlachten.

Die Artillerie beider Seiten hat hier gewütet und auch mehr als 80 Jahre später sieht man zwar die Spuren sehr deutlich, erhält aber doch nur einen verschwommenen Begriff vom Sinn des Wortes "Trommelfeuer". Eine Million auf beiden Seiten - gefallen, verwundet, gefangen, vermißt, ganze Dörfer ausgelöscht, vom Erdboden vertilgt, heute noch daran erkennbar, daß der Boden auf dem es stand eine leicht hellere Färbung hatte als die umliegende Gegend und ein Schild „Hier stand einmal das Dorf Douaumont“. Wir unternahmen einen Spaziergang in den umliegenden Wald. Trichter reiht sich an Trichter, alles scheint wie eine riesige Narbe. Wenn man die Gegend anschaut, dann spürt man förmlich, daß hier etwas nicht stimmt, ich konnte nur nicht feststellen, woran ich das festmache.

Die verkrüppelte Vegetation hat einiges wieder zugedeckt. Einer der ungezählten Trichter auf dem auf dem Dach des Douaumont.

Man wandert auf blutdurchtränkter Erde. Trichter neben Trichter, traurige Bäume, deren Äste wirr in alle Richtungen wachsen, Stacheldraht, spanische Reiter, Beton, und immer wieder Trichter, so weit das Auge schaut und man muß nicht mit einem Bagger anrücken, um Ausrüstungsgegenstände, Blindgänger, Uniformstücke oder Knochen ans Tageslicht zu befördern. Was hier vor sich gegangen sein muß, als man das Jahre „des Herrn“ neunzehnhundert schrieb und sehzehn, das kann sich, wenn überhaupt, nur der vorstellen, der selbst dabeiwar.

Ein französischer Hauptmann schreibt:
„...Vier Tage und vier Nächte – sechsundneunzig Stunden – die letzten zwei Tage in eiskaltem Schlamm – unter unaufhörlichem Feuer, ohne jeden Schutz, außer dem Graben, der trotz seiner Enge noch zu breit schien. […] Ich kam an mit 175 Mann, zurück kehre ich mit 34, von denen von denen viele halb wahnsinnig geworden sind...“

Ein deutscher Offizier erinnert sich:
„...Wir sahen eine Handvoll Soldaten herannahen, geführt von einem Hauptmann. Er fragte, welcher Kompanie wir angehörten und brach plötzlich in Tränen aus. Ob er wohl nervenkrank war? Dann sagte er: 'Als ich Euch nahen sah, erinnerte es mich daran, als ich vor sechs Tagen die selbe Straße entlangschritt mit an die hundert Mann. Nun seht, was davon übrig ist... Wir sahen sie an, als wir an ihnen vorübergingen, sie waren um die zwanzig. Sie gingen an uns vorbei wie lebende Gipsstatuen. Ihre Gesichter starrten zu uns herüber wie Schrumpfköpfe, und ihre Augen waren so riesengroß, daß man nichts anderes sah als ihre Augen...“

Der letzte Tagebucheintrag von Alfred Joubaire, ein französischer Soldat:
„...die müssen verrückt sein, um das zu tun, was sie jetzt tun: Was für ein Blutbad, welch grausame Bilder, was für ein Gemetzel. Ich kann gar keine Worte finden, um meine Gefühle auszudrücken. Die Hölle selbst kann nicht so furchtbar sein. Die Menschheit ist wahnsinnig!...“

Nachdem die Franzosen das Fort zurückerobert hatten errichteten sie eine Verbindung zum Douaumont, den sogenannten "Londoner Laufgraben".

Im Hintergrund wieder Draht und Trichter. Große, kleine, flache, tiefe, manche zugewuchert, andere in denen Bäumchen wachsten und wieder andere, in denen nach wie vor eine dreckige Brühe in aller Seelenruhe vor sich hinfault. Halbverwischte Spuren einer gewaltigen Schlacht, die in dieser Form bis dahin ungekannt war und wohl auch nie mehr stattfinden dürfte, da der Mensch inzwischen wirtschaftlichere Methoden gefunden hat, den Gegner zu vernichten, als auf diese aus heutiger Sicht unwirtschaftliche und langsame Art und Weise. Die Artillerie hatte hier ihre große Zeit.

Nach dem Douaumont fuhren wir weiter zum Fort Du Vaux. Hier spielte sich eine ähnliche Tragödie ab, wie am Douaumont, daher ändert sich die Landschaft recht wenig. Das Fort ist etwas kleiner als das Douaumont aber ebenso zusammengeschossen. Die deutsche Infanterie lag im Schutz des Hügels etwa 300 Meter unterhalb des Forts, das ist ungefähr die Entfernung, aus der das Bild unten aufgenommen wurde. Mitte März wurden Versuche unternommen, das Fort zu stürmen und sie scheiterten natürlich. Hunderte fielen unter dem Maschinengewehrfeuer des Forts. Wenn wenigstens die Leute, die solche mörderischen Befehle erteilten, an der Spitze marschieren würden... Kilometerweit hinter der Front in der warmen Stube, ist es einfach.
Erst im Am 7. Juni ergab sich die Fortbesatzung, die seit Tagen verzweifelt und erbittert gekämpft hatte. Sie hielten sich tapfer gegen Artillerie, Handgranaren, Gas und Flammenwerfer. Doch es kam keine Ablösung, keine Verpflegung, nicht einmal Wasser kam zum Fort durch, das mitllerweile fast vollständig von deutschen Truppen eingekreist war. Die weiße Flagge wurde auf dem Fort gehißt, die Übergabe des Forts an die deutschen Truppen fand unter allen militärischen Ehren statt, Commandant Raynal wurde vom deutschen Kronprinz empfangen, der von dessen Tapferkeit tief beeindruckt war.

Das was vom Fort Du Vaux übrigblieb. Heute eine Touristenattraktion.

Wenn man das 1916 den Jungs erzählt hätte, daß die leute irgendwann einmal bezahlen würden, um sich das anzusehen...

Gefahrene Strecke: 1.330 km
Kilometerstand bei Ankunft: 630.574 km

 


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© by Markus Besold