Mittwoch, 28. Januar 2004

Der Motor würde ungefähr eine Woche brauchen, um hier anzukommen, ich muß so schnell wie möglich nach Kalifornien, die Kasse wiederauffüllen. Jeder Tag, den ich in Destroit abhänge, kostet mich ein Vermögen, das Risiko steigt, eine eingeschlagene Scheibe zu haben, weil irgendein Müll glaubt, in meinem Auto etwas stehlbares suchen zu müssen. Und letztendlich wenn ich hier noch weiter abhänge, dann kostet es mich auch noch meinen letzten Rest guter Laune. In dem Buch, das mir Vanessa nach Playa geschickt hat las ich den Satz: "This place turns a man queer and crazy." Genau das gleiche könnte ich von Destroit behaupten. Wäre ich hier gelandet, statt in L.A., dann hätte ich wohl meine Ansichten über dieses Land niemals geändert und wäre schon längst irgendwo anders. Bloß weg.

Der Motor mußte vorher noch her und das Auto weg von der Straße. Ich rief in Texas an bei ASAP-Motors, gab Martins Kreditkarteninformationen durch. Am Ende fragte er mich nach Martins Telephonnummer. "Keine Ahnung..." Der müsse ihn anrufen, sonst könne er die Buchung nicht machen. "OK, er ruft Sie später an." Depp. Eigentlich hätte ich das Telephon irgendeinem in die Hand drücken sollen und ihm erklären, daß er kurz der Martin sein sollte. Woher will denn der Trottel wissen, ob es wirklich der Martin ist? Was soll das denn nun? Nun, Martin war leider in der Uni, ich rief einige Stunden später wieder an "Hello? Am I talking to As Slow As Possible-Motors?", und fragte, ob sie denn den Motor verkaufen wollen und was daran so kompliziert sei. Woher er denn wissen soll, ob ich tatsächlich die Erlaubnis hätte, die Karte zu benutzen? "Woher wissen Sie es, wenn sie zu diesem Martin sprechen, es kann genauso jemand anders sein. Außerdem ist das egal, selbst wenn ich die Karte gestohlen hätte, dann würde die Bank haften und nicht ASAP-Motors, daher könne es ihm vollkommen egal sein." Er verband mich mit jemand anderem, wohl von der Buchhaltung, vielleicht könne der etwas tun. Nach einigen Minuten Warterei drang eine schrille Frauenstimme an mein Ohr. "Was kann ich für sie tun?" "Also, ich wollte diesen 240er Motor kaufen, ich wollte mit meiner Kreditkarte bezahlen, was nicht möglich war, weil die Billingadresse in Deutschland ist, was nicht meine Schuld ist. Jetzt hab ich mir eine Kreditkarte geliehen und jetzt heißt es, man will den Eigentümer sprechen, nur der kommt leider nicht vor heute abend." "Da kann ich nichts machen, ich werde nichts über Kreditkarte machen, wenn sie nicht auf ihren namen läuft." Schlampenwirtschaft, funktioniert denn hier gar nichts? "OK, gut, dann wird halt der Besitzer nachher anrufen und die Maschine auf seinen Namen bestellen, dann ist das Problem aus der Welt und..." Ich werde den Motor nicht verkaufen, außer ihr Name steht auf der Karte", unterbricht sie mich. "Ja, gut, ich werde sehen, was ich tun kann. Wiederhören...", ich suchte den Auflegeknopf "Fucking Bitch", rutschte es mir natürlich heraus.

Nicht weit entfernt schlugen sie zu, bzw. ein.
Ich gab mich dem alten Soldatenaberglauben hin, daß der frische Trichter am Sichersten sei.

Ich brauchte Frühstück, ging heim, sammelte die leeren Bierdosen und fuhr zum Supermarkt. Ich versuchte, Dilles zu erreichen, aber er ging nicht hin. Im Supermarkt erreicht er dann mich. "Und? Fortschritte?" "Ach, was, diese beschissenen Drecktexaner-Cowboys, das kann doch nichts werden, jetzt schieben sie Aufstand wegen der Karte." Dilles meinte, er sei sowieso in der Stadt und in etwa einer Stunde am UT, ob ich dann auch da sei. Klar. Ich fuhr zurück, ging noch bei Martin vorbei und unternahm einen versuch, das ganze gleich zu regeln. Ich solle das über Western Union machen. "Mach ich, wenn ich 85 Dollar Rabatt bekommen, denn das ist das, was Western Union verlangt." Wir endeten in der Warteschleife, er mußte an die Uni. Ich legte auf.
Als der Aufzug unten ankam, stand Dilles schon da, wir fuhren hoch. Ich schilderte ihm das Problem, möglichst in Kurzfassung. Und die Fassung ist ziemlich kurz, wenn man die ganzen Flüche wegläßt. Er rief bei ASAP an. "Halo, How are you", das übliche blabla, dann zur Sache, "Ich wohne in den Staaten, hab eine amerikanische Kreditkarte und ich will jetzt diesen Motor kaufen." Der Typ am anderen Ende machte wohl Schwierigkeiten, denn nach einer Weile fragte Dilles: "Sehe ich das richtig, daß sie mir den verkauf verweigern?", dann wieder eine Pause, "Kann ich bitte den Manager sprechen?" Nach einer Weile hörte ich die schrille Gans durchs Zimmer quaken. Ich mußte mich arg zusammenreißen, um meine Gedanken nicht laut auszusprechen.
Sie quakte, er fing wieder von vorne an. "Vergessen Sie das alles, ich will jetzt diesen Motor kaufen, ist das möglich?" Wieder hört man es quaken und kreischen. "Sehe ich das richtig, daß sie mir den Verkauf also verweigern?" Und wieder tönt es schrill durch alle Räume. "Gut, dann kann man nichts machen. Wiederhören..."

"Das war also der Manager?" Er nickt. "Und Du mußt sie wohl ziemlich angepisst haben, die war ziemlich sauer, was hast Du denn gesagt?" "Nichts, natürlich, wie immer, aber vielleicht hat sie das 'Fucking Bitch' doch noch gehört, bevor ich den Drecksknopf gefunden hab." Kann ich wissen, daß die der Manager ist? Das kann nicht funktionierten. "Der Motor wird jetzt jedenfalls auf Wochen nicht verkauft. Zumindest nicht nach Michigan, das steht fest..." Den Verkauf verweigern darf sie nicht, das ist Gesetz. Aber leicht zu unterlaufen. Sie hat das Geschäft nicht verweigert, sondern nur gemeint, daß sie nicht über Karte abbucht. Man solle einen Cashier's Check hinschicken. Ja, klar, das auch noch. "Gottverdammte Sauzucht!" Wieso kann hier nicht einmal was auf Anhieb klappen? Wieso klappt es in kalifornien, egal, was man anpackt? Ich muß hier weg.

Wir riefen bei einem zweiten an. Der war ein wenig teurer, wollte 1245 Dollar, Versand inklusive, 100 Tage Garantie. Alle anderen gehen ab 4.000 Dollar erst los. Brauchen wir nicht. Dilles rief an und wir erledigten das. Wir fuhren zur Bank und bei der ersten wollte man keinen Cashier's Check ausstellen. Ab zur nächsten. Betrag 1250 Dollar. Sie geht zur Maschine und kommt mit der Meldung "Geht nicht" zurück. "OK", mein Dilles, "was, wenn sie dreimal 500 durchrennen lassen?" Sie ging, kam und meinte, es hätte zweimal geklappt. Gut, immerhin. damit war wohl das Tageslimit erreicht. Es fehlten zwar noch 250, aber das würden wir schon elegant hinkriegen.
Zurück zum UT, die Verschiffung bestätigen, alles in die Wege leiten und sicherstellen, daß der Motor auch bei Cliff's Import ankommt, wo er hinsoll. Warum nicht gleich? Warum braucht es immer fünfhundert Anläufe? Warum kann nicht einmal die Alte in der Bank von selbst draufkommen, daß sie es auf zwei oder dreimal versucht? "Frage' nach 'em Warum brauchsch hier 'it stelle'", erklärte mir Dilles. Das kenn ich in ähnlicher Ausführung, wörtlich: "Schenken wir uns Fragen nach dem Warum, die sind im klassischen Bimboismus nicht vorgesehen" - schreibt Peter Kohle in seinem hervorragenden Buch "Afrika - Patt Problemm" im Kapitel "Slow Train - Der vierte Tag".

Das fünfte Auto von Recht auf der hiesigen Straßenseite war es, dem nun die Scheibe fehlte. Beim BEnz noch alles ganz und an seinem Platz. Frägt sich nur, wie lange noch.

Mit Wehmut denk ich an die Zeit in Afrika zurück, was war es doch schön gewesen - trotz allen Ärgernissen, die am Ende gar keine waren, es war eben Afrika. Wir waren viel zu schnell damit durch gewesen. Viel zu schnell - trotz der mageren 60 PS. Es wäre noch so viel zu lernen dagewesen, aber wir nahmen uns damals die Zeit einfach nicht. Klar, idealisiert man vieles, ich habe mittlerweile kaum mehr schlechte Erinnerungen an Afrika. Wenn ich meinen eigenen Bericht durchlese, dann wundere ich mich, wie man sich über Sachen aufregte, die es gar nicht im Ansatz wert waren, im gegenteil, man ist froh, sie erlebt zu haben - sogar der Senegal. Und ich kann doch nicht mit Sicherheit sagen, wie ich reagieren würde, stünde ich heute wieder in Algeciras am Fährhafen. Ich habe mit Almut während der Alaskareise natürlich auch über Afrika gesprochen, ziemlich lang, sogar. Mauretanien hat es ihr angetan. Wir waren viel zu schnell gewesen, darüber waren wir uns einig.
Ja, Afrika, das muß fast einmal wieder sein. Es ist mir nun sowas wie ein nicht fertiggelesenes Buch geworden, das man irgendwo in der Eile irgendwo verlor. Und ich bin mir jetzt schon sicher, daß ich dieses Gefühl nicht loswerde, daß es immer stärker werden wird, daß ich irgendwann wieder nach Afrika werde fahren müssen. Andererseits hat man die Gewißheit, daß man nicht wird anknüpfen können. Westafrika 2000 ist für immer vorbei, die Erde hat sich gedreht, hüben wie drüben ändern sich die Sachen. Es gibt kein zweites Erstes Mal, wir werden nicht mehr in Spanien stehen mit der gleichen wohltuenden Blauäugigkeit, wie in jenem Sommer vor fast vier Jahren. Fest steht nur, wir würden wieder losfahren, ergäbe sich die Chance - irgendwann, irgendwo.

Doch dazu muß erst das Auto wieder laufen, sicher ist momentan noch überhaupt nichts. Ein Tag ist noch, an dem man etwas erledigen kann, dann geht es zunächst zurück nach L.A. Es ist eigentlich soweit alles erledigt bis auf die Kleinigkeit, daß das Auto immer noch am UT steht und nach Royal Oak gebracht werden muß. Das muß klappen, ansonsten war der Flug umsonst. Das Auto bleibt nicht auf der Straße stehen, auf keinen Fall. Nur wie ich es nach Royal Oak bringen soll, da frage mich keiner, keine Ahnung, nicht die geringste...


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